Samstag, 31. Dezember 2016

Komm mit zur blauen Adria (1966) Lothar Gündisch


Walter (Dietmar Schönherr) poussiert mit Tina (Margitta Scherr)
Inhalt: Dass Walter (Dietmar Schönherr) gerade der hübschen Tochter des Hoteliers, Tina (Margitta Scherr), auf dem Meer nahe kommt, ärgert nicht nur deren Vater, dem er schon einige Tage Kost und Logis schuldet, sondern auch seine Freundin Ingrid (Hannelore Auer), mit der er sich ein Hotelzimmer teilt. Walter versteht die ganze Aufregung nicht. Schließlich muss er seinen kreativen Kopf frei bekommen, um die neuen Bademoden zu entwerfen. Und da kommt ihm jedes Mittel gelegen. Sein Chef (Fritz Benscher) in Deutschland wird von Tag zu Tag ungeduldiger und sein Geld ist längst weg. 

Seine Freundin Ingrid (Hannelore Auer) reagiert wenig begeistert
Walter ahnt nicht, wie recht er hat. Angespitzt von der Chefsekretärin Fräulein Habicht (Ruth Stephan) hat ihm sein Chef den Buchhalter Heribert Kindlein (Thomas Alder) undercover als Frau verkleidet hinterher geschickt, um den Arbeitsfortschritt seines Angestellten zu überprüfen. Kindlein ist nicht der Einzige, der sich auf den Weg ans Mittelmeer macht. Die Tochter seines Chefs, Renate (Maria Brockerhoff), war aus ihrem Mädchen-Internat abgehauen, um endlich etwas zu erleben, und der reiche Geschäftsmann Senior Hernandez (Gustavo Rojo), wichtigster Kunde ihres Vaters, macht sich auf ihre Verfolgung. Er hatte sich in Renates Porträt verliebt und will sie heiraten… 


"Das blaue Meer" - Sehnsuchtsbegriff des Tourismusfilms 

"Das blaue Meer" symbolisierte in den 50er Jahren das Fernweh der Deutschen nach südlichen Gestaden. Mit der zunehmenden Stabilisierung des Arbeitsmarkts in den 50er Jahren und einem damit einhergehenden bescheidenen Wohlstand wuchs auch der Wunsch zu verreisen. Zuerst beschränkte man sich auf den Urlaub im eigenen Land - eine Entwicklung, auf die der "Heimatfilm" ab Mitte der 50er Jahre vermehrt mit der Betonung von Sehenswürdigkeiten und folkloristischen Elementen reagierte ("Die Fischerin vom Bodensee" (1956)) - aber schon wenige Jahre später strebten die Deutschen auch nach weiter entfernten Zielen. Über die Alpen nach Italien oder Jugoslawien, an das Mittelmeer.

1966 war die Nachkriegszeit vorbei. Das "blaue Meer" kam hier zwar noch ein letztes Mal zur Geltung (mit der geografisch falschen Präzisierung "Adria", denn der Film wurde in Spanien gedreht), aber als Sehnsuchtsbegriff hatte es ausgedient. Das Mittelmeer war inzwischen fester Bestandteil von Pauschal- und Individualurlaub, weshalb nicht mehr Land und Leute im Mittelpunkt der Tourismuswerbung standen, sondern die vielfältigen Attraktionen eines Strandurlaubs, Liebe und Sex inbegriffen. Am Beispiel der fünf Filme, die zwischen 1957 und 1966 das "blaue Meer" (einmal die "blaue Adria") in ihrem Titel führten, zeichnet der Blog diese Entwicklung nach:

                 - "Unter Palmen am blauen Meer" (1957)
                 - "Das blaue Meer und Du" (1959)
                 - "Mein Schatz komm mit ans blaue Meer" (1959)
                 - "Auf Wiedersehen am blauen Meer" (1962)
                 - "Komm mit zur blauen Adria" (1966) 


Endstation "blaue Adria". 

Walter versucht seinen Chef von seinem Arbeitseinsatz zu überzeugen...
Nicht im übertragenen Sinn wie das wiederholte Ankündigen des "Heimatfilm"-Endes, sondern ganz konkret. "Komm mit zur blauen Adria" war ein Nachzügling, das letzte Relikt eines Genres, das es seitdem in dieser reinen Form nicht mehr gibt - der "Schlagerfilm", zudem kombiniert mit einem Restposten "Tourismusfilm". "Das Spukschloss im Salzkammergut" kam zwar erst Ende 1966 in die deutschen Kinos, war aber eine Mogelpackung - gefilmt 1963 und mit einer nachgedrehten Rahmenhandlung modernisiert. Zudem ganz ohne internationales Flair. Und spätere Musik-Filme wie "Heintje - Einmal wird die Sonne wieder scheinen" (1969) oder "Wenn du bei mir bist" (1970) mit Roy Black waren ganz auf ihre Stars zugeschnitten.

...was ihm aber nicht recht gelingt (Fritz Benscher und Ruth Stephan)
"Komm mit zur blauen Adria" konnte, wie im Schlagerfilm üblich, noch mit einer Reihe an mitspielenden Sängern aufwarten, deren Songs gleichwertig in die Handlung integriert wurden: Manfred Schnelldorfer, Hannelore Auer und Maria Brockerhoff. Selbst Dietmar Schönherr, sonst nicht als Sängerknabe bekannt, gab hier eine Gilbert Becaud-Komposition zum Besten. Die Anzahl der Gastauftritte blieben in "Komm mit zur blauen Adria" dagegen vergleichsweise spärlich. Ein weiteres Anzeichen für dessen späten Status. Außer dem Trompeter Roy Etzel, dessen "Golden midnight sun" hier als Erkennungsmelodie diente, trat nur noch Vivi Bach mit einem Schlager auf. Eine lieblos hineingeschnittene Szene, die offensichtlich zu einer anderen Zeit und an einem anderen Ort entstanden war.

Dieser schickt Buchhalter Kindlein (Thomas Alder) undercover hinterher...
Stichwort "Vivi Bach". Die dänische Sängerin und Schauspielerin war das Gesicht des Schlagerfilms und der Musik-Komödie in der ersten Hälfte der 60er Jahre. Seit "Gitarren klingen leise durch die Nacht" (1960) an der Seite von Fred Bertelmann war sie bis "Tausend Takte Übermut" (1965) in mehr als zwanzig Kinofilmen aufgetreten. Der Verlauf ihrer Kino-Karriere steht ebenfalls symbolisch für das Ende des Genres. Bis 1969 folgten nur noch wenige Filme, meist internationale Produktionen. Darunter ein Auftritt in "Europa canta" (Lass die Finger von der Puppe, 1966), eine italienisch-spanische Co-Produktion, die noch ein wenig Schlagerfilm-Feeling herüberretten wollte. Ob Vivi Bachs kurzer Gesangsauftritt hier noch beim Dreh zu "Tausend Takte Übermut" entstanden war, ist fraglich, sicher ist aber, dass sich aus dessen Crew der größte Teil der Mitwirkenden an "Komm mit zur blauen Adria" rekrutierte.

...um Walters kreative Arbeitsmethodik zu beobachten
Neben Vivi Bach fehlten noch Rex Gildo und Gunter Philipp, aber ihr Ehemann Dietmar Schönherr, der uruguayische Schauspieler Gustavo Rojo und Maria Brockerhoff sorgten für adäquaten Ersatz. Wieder mit von der Partie waren Hannelore Auer, Margitta Scherr, Thomas Alder, Manfred Schnelldorfer, Ruth Stephan und Fritz Benscher. Statt Ernst Hofbauer übernahm dessen Assistent Lothar Gündisch die Regie und Hans Billian war erneut für das Drehbuch verantwortlich. Vielleicht ist dieser Kontinuität der Filmtitel zu verdanken, der letztmalig das „Blau“ des Meeres betonte, wenn hier auch fälschlich als „Adria“ bezeichnet. "Tausend Takte Übermut" hatte noch an der italienischen Adria-Küste gespielt, der geistige Nachfolger entstand aber im Süden Spaniens an der „Costa del sol“, worauf in den Credits schon zu Beginn hingewiesen wird. Unter dem Filmtitel „El Bikini rojo“ kam die deutsch-spanische Co-Produktion am Drehort heraus und es bleibt das Geheimnis der deutschen Produzenten, warum sie auch inhaltlich auf einem italienischen Handlungsort bestanden, obwohl dem Kino-Besucher das spanische Ambiente vertraut gewesen sein wird.

Erst wird sie von Joachim (Manfred Schnelldorfer) gerettet,...
Mitte der 60er Jahre war der Pauschalurlaub an der spanischen Küste kein Geheimtipp mehr, aber der Hintergrund mit Sandstrand, blauem Meer und allerlei Freizeitmöglichkeiten erfüllte seinen Zweck als attraktive Reisekulisse. Mit dem „Tourismusfilm“ der späten 50er Jahre, als die südlichen Gestade am Mittelmeer noch weit entfernt schienen, berühmte Sehenswürdigkeiten und folkloristische Eigenarten des Gastgeber-Landes ins Bild gerückt wurden und schon die Reise dorthin zum Abenteuer wurde, hatte das nur noch wenig gemeinsam. Mit solchen Details schlug sich „Komm mit zur blauen Adria“ nicht mehr herum, sondern entfaltete seine Story um eine deutsche Textilfirma, deren Designer nur wenig motiviert ist, die neuen Bademoden zu kreieren, sondern lieber seinen Charme bei den zahlreichen hübschen Mädchen spielen lässt, vor dem Hintergrund eines ewig scheinenden Hotel- und Strand-Urlaubs.

...dann landet Renate (Maria Brockerhoff) neben Walter im Bett...
In einer kurzen Szene gibt es eine kleine Reminiszenz an das „Reisen per Anhalter“, das in "Unter Palmen am blauen Meer" (1957) und seinen „Blauen Meer“-Epigonen noch ein wichtiger Story-Bestandteil war. Kurz vor ihrem Ziel am Ferienort wird Renate (Maria Brockerhoff) von einem Cabriolet-Fahrer, der sie mitgenommen hatte, belästigt und vom zufällig vorbei kommenden Joachim (Manfred Schnelldorfer) aus einer unangenehmen Situation gerettet. Ein bisschen Drama durfte noch sein, aber es fehlte der moralische Zeigefinger, der die jungen Damen davor warnen sollte, zu fremden Herren ins Auto zu steigen. Die Wirkung einer solchen Botschaft wäre angesichts des frivol unbeschwerten Treibens am Meer auch schnell verpufft, denn wenn etwas in „Komm mit zur blauen Adria“ lange Zeit offenbleibt, dann wer hier mit wem anbandelt.

...bevor sie sich des aufdringlichen Hernandez (Gustavo Rojo) erwehren muss
Besonders Walter (Dietmar Schönherr) kann sich nur schwer festlegen. Statt endlich die Bikini-Mode für die kommende Saison zu entwerfen, poussiert er mit Tina (Margitta Scherr), der Tochter des Hoteliers, während seine Freundin Ingrid (Hannelore Auer) mit abendlichen Gesangsauftritten ihre Hotel-Schulden abarbeiten will. Ingrid trauert ihm nicht lange nach, sorgt aber dafür, dass er aus ihrem gemeinsamen Zimmer geschmissen wird, denn ihre Gage behält sie für sich. Den frei gewordenen Schlafplatz neben ihr belegt eine neu ankommende ältere Dame, bei der es sich in Wahrheit um einen Mann in Frauenkleidern handelt. Der Buchhalter Heribert Kindlein (Thomas Alder) wurde von seinem Chef (Fritz Benscher) an die Küste geschickt, um Walter undercover zu beobachten, ist aber mehr damit beschäftigt, sein wahres Geschlecht vor Ingrid zu verbergen. Währenddessen sorgt Tina dafür, dass Walter in einer leerstehenden Ferien-Villa einen Schlafplatz erhält. Und trifft dort im Bett auf Renate.

Alles klar? – Offensichtlich muss allen Beteiligten um Drehbuchautor Hans Billian bewusst gewesen sein, dass ihr schon aus der Zeit gefallener Film kaum noch auf Resonanz stoßen würde. Anders ist der hemmungslose Umgang mit den Lustspiel-Klischees kaum zu erklären. Ideen, die im Normalfall über eine Spielfilmlänge ausgewalzt werden, werden hier im Schnelldurchlauf abgearbeitet. „Komm mit zur blauen Adria“ ist nicht eine Verwechslungskomödie, sondern gleich drei. Mehrfach wird „Charlies Tante“ zitiert und die Liebespaare finden sich im Minutentakt, um sich kurz danach wieder neu zu orientieren. Dazu gibt es Eifersucht, Männerwitze, viel nackte Haut – allerdings noch im züchtigen Rahmen – und eine Massen-Prügelei.

Vielleicht war es auch nur das blaue Meer, das nie blauer ins Bild gerückt wurde, oder die heiße Sonne, die ständig auf die versammelte Crew schien. Niemand schien hier etwas ernst zu nehmen. Im Gegenteil lässt sich der Spaß, den die Beteiligten beim Dreh gehabt haben müssen, unmittelbar nachempfinden. Als Schlager- und Tourismusfilm steht „Komm mit zur blauen Adria“ am Ende einer langjährigen Genre-Entwicklung, gemessen am Unterhaltungswert aber ganz vorne. 

"Komm mit zur blauen AdriaDeutschland 1966Regie: Lothar GündischDrehbuch: Hans BillianDarsteller : Hannelore Auer, Dietmar Schönherr, Thomas Alder, Margitta Scherr, Gustavo Rojo, Ruth Stephan, Fritz Benscher, Maria Brockerhoff, Manfred Schnelldorfer, Vivi BachLaufzeit : 91 Minuten

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen