Montag, 12. August 2013

Playgirl (1966) Will Tremper

Inhalt: Alexandra Borowski (Eva Renzi) ist ein sehr hübsches Model, das ihre große Attraktivität beim männlichen Geschlecht auch privat nutzt. Gewohnt begehrt zu werden, verfügt sie über eine Vielzahl von Bewunderern, deren Einfluss ihre Karriere fördern soll.

Als sie beruflich nach Berlin kommt, weiß sie schon genau, an wen sie sich richten muss - an den Baulöwen Steigewald (Paul Hubschmied), mit dem sie früher eine Affäre hatte. Dieser scheint aber wenig begeistert zu sein, weshalb er selbst nie erreichbar ist, sondern jedes Mal seinen Mitarbeiter Siegbert Lahner (Harald Leibniz) vorschickt. Dieser verliebt sich sofort in Alexandra und auch sie verliert langsam die Kontrolle über ihre eigene Vorgehensweise...


Will Tremper gehörte zu den wenigen deutschen Drehbuchautoren und Regisseuren, die schon in den 50er Jahren Genre-Beiträge zu kontroversen Themen schrieben und später auch drehten, was damals für erhebliches Aufsehen sorgte. Als Autor war er erstmals an „Die Halbstarken“ (1956) beteiligt, einem Film über die angeblichen Gefahren durch die aufbegehrende Jugend während der Rock’n Roll-Ära, gefolgt von einer Zusammenarbeit mit Regisseur Frank Wisbar in „Nasser Asphalt“ (1958) über den Sensations-Journalismus. Seine erste Regie, der nur noch vier weitere bis 1970 („Mir hat es immer Spaß gemacht“) folgen sollten, führte er in „Flucht nach Berlin“ (1961). Sein vorletzter Film „Playgirl“ provozierte 1966 das „vor  68er Deutschland“ mit einer Thematik, die heute nicht weniger zeitgemäß ist, weshalb es überrascht, dass Will Tremper und seine Filme inzwischen fast unbekannt sind.

Einer der Gründe dafür lag in Trempers unverhohlener Nähe zum Trivialen. Seine Filme analysierten das damalige Deutschland weder intellektuell, noch begab er sich auf das Feld des harmlosen Kabaretts wie in „Herrliche Zeiten im Spessart“ (1967), sondern er dokumentierte die damalige Gegenwart an Hand von Autos, Klamotten, Hits und Prominenten und lässt die Menschen sprechen, wie ihnen das Maul gewachsen ist, was dem Film eine erfrischende Vulgarität verleiht. Politische Ereignisse spielten für das entsprechende Zeitgefühl dagegen nur eine untergeordnete Rolle, was „Playgirl“ authentisch wirken lässt, obwohl die Story unter den so genannten „Schönen und Reichen“ spielt – und denen, die dazu gehören wollen.

Zwar kommt Alexandra Borowski (Eva Renzi) das erste Mal nach Berlin, aber sie ist schon länger ein erfolgreiches Fotomodell und hat viele Kontakte. In Berlin will sie den reichen Baulöwen Joachim Steigewald (Paul Hubschmied) wieder treffen, mit dem sie früher eine Affäre hatte. Doch der lässt sie von seinem Mitarbeiter Siegbert Lahner (Harald Leibniz) mit der vorgeschobenen Behauptung abfangen, er wäre auf Dienstreise. Stattdessen kümmert sich Lahner persönlich um die schöne Alexandra und verliebt sich natürlich prompt in sie.

Die Story selbst spielt kaum eine Rolle, sie verläuft linear ohne besondere Überraschungen oder Nebenhandlungen – es ging Tremper vor allem um den nahezu dokumentarischen Charakter seines Films. Sämtliche Darsteller agieren realistisch - besonders Eva Renzi ist nicht nur sehr hübsch, so dass man ihr den Beruf als Model abnimmt, sondern in ihrer Art so reizend, dass die Reaktionen der Männer nachvollziehbar sind. Auch Harald Leibniz wirkt als Möchtegern - Lebemann mit Jaguar, der eine hübsche Verlobte hat, parallel mit Alexandra flirtet und nebenbei noch mit seiner Sekretärin schläft, gleichzeitig überzeugend und bieder. Solche Rollen werden häufig klischeehaft oder betont satirisch angelegt, aber Will Tremper meinte es ernst mit seinen Figuren und ließ keinen Zweifel an deren realistischer Charakterisierung Mitte der 60er Jahre.

Deutschland befand sich damals in einem gesellschaftlichen Umbruch – die Vorboten der Moderne sind in Trempers Film genauso gegenwärtig, wie das reaktionäre Denken der Vergangenheit. Wenn Siegbert „Ich mag keine Neger, denn sie nehmen uns die Frauen weg“ sagt, dann wird er zwar von Alexandra sanft dafür getadelt, aber danach gehen sie schnell wieder zur Tagesordnung über. Rockmusik oder eine neue politisch gefärbte kritische Denkweise hatten noch keinen Einzug in das allgemeine Bewusstsein gehalten, auch nicht in das der „nachtaktiven“ Menschen, die sich selbst für modern und unbürgerlich hielten. Siegbert führt Alexandra stolz in eine Jazz-Bar, in der Paul Kuhn mit Zigarette ein letztes Lied am Klavier gibt. Das ist für ihn der ultimative Ausdruck der Coolness. Alexandra verkörpert zwar schon optisch einen „neuen“ moralisch legeren Frauentyp, der sich promiskuitiv wie ein „Playgirl“ benimmt, mit verschiedenen Männern anbandelt und ins Bett geht, aber das entspringt keinem Selbstbewusstsein, sondern tiefer Unsicherheit und der Suche nach Liebe und Geborgenheit - die Männer können sie deshalb unwidersprochen als „verrückt“ bezeichnen.

Der gesamten Konstellation haftet nichts emanzipatorisches an, sondern sie zeigt im Gegenteil Frauen, die den Männern ständig Honig um den Bart schmieren („endlich mal ein großer Mann“), um deren Gunst zu erringen. Dazu gehörte auch, dass sie ihre eigene Intelligenz bewusst leugnen. Bei den jungen nach 1940 geborenen Menschen schien zudem das Geschichtsbewusstsein immer mehr nachzulassen, denn Tremper lässt mehrfach eine junge Frau fragen, was denn damals „mit dem Hitler oder so...“ gewesen wäre, womit sich der Regisseur auf ein vermintes Feld wagte. Sein abwechslungsreicher, unterhaltender, sehr authentischer Film zeigte die Deutschen Mitte der 60er Jahre ohne Schönfärberei und Idealismus, verzichtete aber auch auf Kritik oder einen intellektuellen Überbau, womit er Unterhaltungsfilm und Dokumentation geschickt vermischte. Doch es half nicht, dem Film die gerechtfertigte Seriösität zu verleihen – allein dass eine junge Frau hier wie ein „Playgirl“ agierte, genügte schon zur Provokation, ganz abgesehen von den vielen sehr genau getroffenen Verhaltensmustern der Deutschen, an denen sich bis heute nur wenig geändert hat.

"Playgirl" Deutschland 1966, Regie: Will Tremper, Drehbuch: Will Tremper, Darsteller : Eva Renzi, Paul Hubschmid, Harald Leipnitz, Umberto Orsini, Elga StassLaufzeit : 85 Minuten


weitere im Blog besprochene Filme von Will Tremper:

Kommentare:

  1. Playgirl - läuft zur Berlinale 2016
    Wir zeigen den Film am Freitag den 18.Februar um 21:30 im Zeughauskino
    Unter den Linden 2
    und am Sonntag den 21. Februar um 11:30h im CinemaxX 8 am Potstamer Platz

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  2. Hier kann man einen Trailer sehen

    https://www.youtube.com/watch?v=hR_Mjqkd_I4

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