Sonntag, 18. September 2016

Von der Liebe besiegt (1956) Luis Trenker

Inhalt: Der Ingenieur Mario Clar (Wolfgang Preiss) wird zwar aus der Haft entlassen, aber nur bedingt unter der Auflage, nicht das Land zu verlassen. Nach wie vor gilt er als Hauptbeschuldigter an dem Einsturz einer Eisenbahnbrücke, bei dem in den Schweizer Bergen fast 40 Menschen starben. Clar bewahrt vor seiner 12jährigen Tochter, die ihn im Gerichtsgebäude freudig abholt, zwar Ruhe, aber seine Entscheidung steht schon fest. Er schreibt ihr, die bei seiner geschiedenen Frau (Marina Ried) lebt, noch einen Abschiedsbrief und begibt sich in die Berge, wo er sich in die Tiefe stürzen will.

Sein Plan misslingt, weil er einen Hirten durch herunterfallende Felsbrocken verletzt, die sich bei seinem hastigen Aufstieg lösen. Unter größter Anstrengung gelingt es ihm, den alten Mann bis zum Arzt (Armin Schweizer) des kleinen Bergdorfs zu tragen, wo er eine Nacht in einem Hotel verbracht hatte. Er selbst fällt vor Erschöpfung in einen ohnmachtsartigen Schlaf. Als er erwacht, sieht er nicht nur in das Gesicht der Arzttochter (Marianne Hold), die ihn gepflegt hatte, auch seine Ex-Frau und sein Compagnon Leo Seduc (Fritz Tillmann) stehen bald vorwurfsvoll in seinem Zimmer. 


Luis Trenker als launiger Gastgeber mit Marianne Hold und Wolfgang Preiss

"Von der Liebe besiegt" kam in der Hochphase des Heimatfilms in die deutschen Kinos, steht aber für den Beginn und das Ende der Film-Karrieren zweier prägender Genre-Repräsentanten. Letztmals führte Luis Trenker hier Regie nach eigenem Drehbuch, gleichzeitig wurde es sein vorletzter von vier Langfilmen mit der von ihm 1950 ("Barriera a Settentrione" (Duell in den Bergen)) entdeckten Marianne Hold. Diese war zwar schon mehrfach in tragenden Rollen besetzt worden, aber erst der wenige Monate zuvor herausgekommene "Die Fischerin vom Bodensee" (1956) ließ sie zum großen Heimatfilm-Star der späten 50er Jahre aufsteigen. Zudem agierte der damals 64jährige Trenker hier das letzte Mal selbst auf der Kinoleinwand. Ganz klassisch als Bergführer, der ein Rettungskommando anführt und - wie seit den 20er Jahren im Berg-Film gewohnt - persönlich in die Felswand steigt (siehe "Im Zenit des Wirtschaftswunders - der Heimatfilm der Jahre 1955 bis 1957"). 

Trotzdem blieb seine Rolle austauschbar und ohne Relevanz für die eigentliche Handlung. Er gefällt als launiger Hausherr einer hochgelegenen Berghütte und am Ende als Retter des verunglückten Mario Clar (Wolfgang Preiss), aber den Job hätte auch ein Anderer übernehmen können. Mit den Ereignissen, die erst zu den dramatischen Konsequenzen im Hochgebirge führten, hatte Trenkers Figur nichts zu tun. Das galt mit Abstrichen auch für Marianne Hold als Arzttochter, auch wenn der Titel „Von der Liebe besiegt“ etwas anderes vermitteln sollte. Entstanden war das Drehbuch nach Trenkers Roman „Schicksal am Matterhorn“ und es spricht viel dafür, dass der Film auch ursprünglich unter diesem Namen herauskommen sollte. Offensichtlich wollten die Macher die wachsende Popularität der Hauptdarstellerin nutzen, obwohl ihre Rolle dem Klischee widersprach.

Schon zu Beginn des Films ließ Trenker keinen Zweifel daran, dass Angela Gassard (Marianne Hold) nicht zum Genre-gewohnten Typus der Dorfschönheit gehörte, die nur auf den richtigen Kerl wartet. Ihr ganzes Auftreten als Tochter des ortansässigen Arztes (Armin Schweizer) zeugt von Eigenständigkeit und Selbstbewusstsein. Der kernige Bergführer Beni Kronig (Robert Freitag) schenkt ihr zwar aus Italien geschmuggelte Schuhe, aber Chancen hat er bei ihr keine. Da muss schon ein Mann wie der Ingenieur Mario Clar auftauchen – älter, gebildet, weltgewandt – um sie zu begeistern. Doch nicht er bemüht sich um sie, sondern sie kümmert sich um den psychisch schwer angeschlagenen Mann. Zwar den Anstand wahrend, ist sie es, die ihm mit ihrer Liebeserklärung wieder Lebensmut gibt.

Die Figur des Ingenieurs war im Heimatfilm nicht ungewöhnlich, denn der Kontrast Stadt/Land ließ sich in der Konfrontation eines rein nach rationellen Gesichtspunkten vorgehenden Planers mit einer traditionell lebenden Bevölkerung dramaturgisch zuspitzen. Das Ergebnis war zwiespältig. Einerseits wurde die heile Welt der Berge idealisiert, andererseits galten Talsperren, Brücken- und Tunnelbauwerke Mitte der 50er Jahre als Zeichen von Fortschritt und Schaffenskraft. Dieser Disput setzte sich auch in der Charakterisierung des Ingenieurs fort, der je nach Gesichtspunkt als Eindringling oder Heilsbringer angesehen wurde. Für eine positive Ausrichtung half die Verwurzelung in der Heimat. Der junge Mann, der nach Jahren der Ausbildung als Fachmann zurückkehrt („Waldrausch“ (1955)), verband Tradition und Zukunft in idealer Weise.

Leo Seduc (Fritz Tillmann) und seine Frau (Marina Ried) mit dem Abschiedbrief

Auch in „Von der Liebe besiegt“ ist dieser Konflikt gegenwärtig, fand aber auf einer anderen Ebene statt. Für Luis Trenker, der erst kurz zuvor seine Dokumentation „Gold aus Gletschern“ (1956) über den Bau des Wasserkraftwerks Kaprun herausgebracht hatte, ist der Ingenieur eine integre Figur. Auch wenn Mario Clar unter Vorbehalt aus dem Gefängnis entlassen wurde, weil er im Verdacht steht, den Einsturz einer Eisenbahnbrücke in den Bergen verursacht zu haben, bei dem viele Menschen starben. Die Gefahren erkannte Trenker dagegen in den Geschäftemachern, deren Streben nicht dem technischen Fortschritt galt, sondern allein ihrer persönlichen Bereicherung. Fritz Tillmann spielte den so verschlagenen wie gewieften Bauunternehmer Leo Seduc, der minderwertige Baustoffe bei dem Brückenbau einsetzte, um seine hohen finanziellen Bedürfnisse befriedigen zu können. Trotzdem sitzen ihm die Gläubiger weiterhin im Nacken, weshalb er einen perfiden Plan ersinnt, der den Tod des Ingenieurs mit einbezieht.

Die Dramatik entwickelt sich in Trenkers Film aus dem Spannungsfeld von Idee und Kapital, der Gegenüberstellung von untadeligem Forschungsgeist mit rücksichtslosem Profitdenken. Dass es sich bei dem Bauunternehmer und dem Ingenieur um Partner handelt, Leo Seduc zudem die Ex-Frau (Marina Ried) seines Compagnons geheiratet hatte und damit auch eine Art Stiefvater für dessen 12jährige Tochter wurde, verlieh der Handlung eine Komplexität, die sich auch in der ungewöhnlichen Charakterisierung des männlichen Helden widerspiegelte. Wolfgang Preiss strahlte in seinem Spiel zwar Ernsthaftigkeit und Anstand aus, aber als geschiedener Mann und Vater, der sich in die Berge begibt, um dort Suizid zu begehen – er gibt sich die Schuld an dem Tod der Verunglückten – war er Mitte der 50er Jahre ein denkbar ungeeigneter Kandidat für die Rolle des Liebhabers. Und bedurfte eines ebenso untypischen weiblichen Gegenparts.

Trotz der Berührung damaliger Tabus und einer nicht nur für den Heimatfilm außergewöhnlichen Drehbuch-Anlage, ist Trenkers Spätwerk in Vergessenheit geraten und zählt auch nicht zu Marianne Holds populären Filmen. Erklärbar wird das durch die fehlende Konsequenz, die Ausgangssituation aufrecht zu erhalten. Ist die Figur des Bauunternehmers zuerst noch differenziert gestaltet, wird er zum Ende hin zum panisch reagierenden Hasardeur. Es ist kaum noch vorstellbar, wie dieser Mann der langjährige Partner des Ingenieurs sein konnte und als Ehemann seiner Ex-Frau in Frage kam. Parallel zu dieser in die negative Einseitigkeit abdriftenden Charakterisierung wurde die männliche Hauptrolle aufgewertet. Dessen Selbstmord-Gedanken werden zunehmend in Richtung finanzielle Verantwortung für die Tochter gewandelt, die nach seinem vorgetäuschten Unfall-Tod eine hohe Versicherungssumme erhalten soll. Tatsächlich hat es Leo Seduc auf das Geld abgesehen.

Mehr noch widersprach das abschließende Kapitel des Films den zuvor aufgebauten Qualitäten, denn er gab dem Film eine Wendung in typische Heimatfilm-Gefilde. Mit einer mehr als dürftigen Begründung schickte er den Ingenieur und den bisher nur als Nebenfigur aufgefallenen Bergführer auf die Berggipfel, wo es zum klassischen Drama im Kampf um das weibliche Objekt kommt. Passend zu ihrer passiven Rolle trug Marianne Hold plötzlich Tracht, nachdem sie zuvor pragmatisch-modern gekleidet war. Geholfen hat es dem Film nicht, dessen aufgesetzt wirkendes Ende die Erwartungshaltung an einen Heimatfilm nicht mehr befriedigen konnte. Trenkers „Von der Liebe besiegt“ kam zwar nicht ohne Klischees aus, verband in seiner Anlage aber Elemente der Bergromantik mit den sozialen Veränderungen der 50er Jahre. Die Anspielungen auf Missstände der „Wirtschaftswunder“-Zeit, die Veränderungen im Familienbild sowie die selbstbewusst gestaltete Frauenrolle sind überraschend modern für das Genre und laden zu einer Wiederentdeckung ein. 

"Von der Liebe besiegtDeutschland 1956, Regie: Luis Trenker, Drehbuch: Kurt Heuser, Luis Trenker (Roman), Darsteller : Marianne Hold, Wolfgang Preiss, Fritz Tillmann, Robert Freitag, Marina Ried, Luis Trenker, Laufzeit : 92 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Luis Trenker: 

"Der Berg ruft!" (1938)

Sonntag, 24. Juli 2016

Das Haus in Montevideo (1951) Curt Goetz, Valerie von Martens


Inhalt: Für den Lehrer Professor Traugott Hermann Nägler (Curt Goetz) ist das Leben eine einzige Schulstunde. Seine zwölf Kinder wie auch seine Ehefrau Marianne (Valerie von Martens) müssen zu jeder Zeit seinen prüfenden Fragen Rede und Antwort stehen. Belehrungen, Zurechtweisungen und Bestrafungen sind an der Tagesordnung. Selbstverständlich sieht er sich als moralische Instanz, weswegen er vor vielen Jahren seine jüngere Schwester, als diese im Alter von 18 Jahren unverheiratet schwanger wurde, aus der Familie verstieß.

Als ihm der Pastor (Albert Florath) vom Tod seiner Schwester berichtet, berührt ihn das zuerst nur wenig. Bis er erfährt, dass sie ein großes Erbe hinterlässt. Um dieses antreten zu können, muss er zusammen mit seiner ältesten Tochter Atlanta (Ruth Niehaus) nach Montevideo fahren. Erst weigert er sich und zerreißt die beiliegenden Schiffskarten, aber dann nimmt die Neugier auf das mögliche Erbe zu und er reist mit Tochter und dem Pastor nach Uruguay… 




Schon 2007 brachte die "Edition Filmmuseum" die vier unter Curt Goetz Regie erschienenen Kinofilme auf Basis seiner Theaterstücke heraus und bis heute zählen sie zurecht zu den Bestsellern der insgesamt sehr empfehlenswerten Filmmuseum-Reihe.

Goetz' Filme (und die dazu gehörigen Dramen) beeinflussten entscheidend meine Beziehung zum deutschen Kino. In meiner Erinnerung liefen sie in den 70er Jahren wiederholt im deutschen Fernsehen, denn sie hinterließen einen so starken Eindruck bei mir, dass ich mich bei ihrer Wiederentdeckung 30 Jahre später an beinahe jedes Detail erinnern konnte. Dagegen erfuhr ich erst spät von der erneuten Verfilmung der Goetz-Stücke in den 60er Jahren mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle. Aus heutiger Vermarktungssicht wirken sie präsenter, aber - ganz subjektiv betrachtet - spielten sie, obwohl moderner und in Farbe gedreht, im damaligen Fernsehprogramm nur eine untergeordnete Rolle (Der grüne Link führt zur Bestellseite der Curt Goetz Filme). 





Professor Traugott Hermann Nägler (Curt Goetz), Lehrer am ortsansässigen Gymnasium, ist eine Horror-Figur. Ein autoritärer Patriarch, der seine zwölf Kinder wie Soldaten in Reihe aufstellen lässt und auch nicht davor zurückschreckt, sie körperlich zu züchtigen. Selbstverständlich erwartet er Dankbarkeit dafür. Als selbstgewählte moralische und geistige Instanz sieht Nägler es als seine naturgegebene Aufgabe an, seine Umgebung zu korrigieren und zu belehren. Das gilt auch für Ehefrau Marianne (Valerie von Martens), die er für etwas beschränkt hält - wie im Grunde genommen jeden anderen auch. Es überrascht entsprechend wenig, dass er vor Jahren dafür sorgte, dass seine Schwester von der Familie verstoßen wurde, weil sie als 18jährige unehelich schwanger wurde. Regelmäßig wird sie deshalb von ihm als warnendes Beispiel hervorgehoben.

Die große Kunst des Curt Goetz - Dramaturg, Regisseur und Hauptdarsteller in Personalunion - lag darin, dieser Figur Sympathien zu verleihen. Ohne die genannten Charaktereigenschaften abzuschwächen, ließ er auch die inneren Befindlichkeiten des Traugott Hermann Nägler durchscheinen. Seine Liebe für Frau und Kinder, seine Sorgen auf Grund ständiger Geldknappheit und seine nachrangige gesellschaftliche Stellung, unter der er leidet. Kombiniert mit seiner humorvollen, geistesgegenwärtigen Art, lassen sich seine Tiraden nicht nur besser ertragen, sondern tragen entscheidend zum Unterhaltungswert des Films bei.

Wichtig für die positive Positionierung dieser Rolle ist auch das Verhalten seiner Umgebung. Der zahlreiche Nachwuchs lässt sich durch die Autorität des Vaters nicht abschrecken und bleibt kindgerecht frech. Ehefrau Marianne weiß ihn zu nehmen und wirkt in ihrer Souveränität reifer und erwachsener als ihr Mann. Die reale Gleichberechtigung des Künstlerehepaars Götz / von Martens, das hier auch gemeinsam Regie führte, blieb in allen ihren Filmen trotz der jeweiligen Rollen-Charakteristik immer spürbar. Nicht zuletzt trug der von Albert Florath gespielte Priester zur Demontage des mit ihm befreundeten Traugott Nägler bei. Anders als der Gymnasiallehrer steht er leiblichen Genüssen und menschlichen Schwächen sehr aufgeschlossen gegenüber. Nicht nur, dass er einem guten Essen kaum widerstehen kann und einen Blick für schöne Frauen hat, er zeigt auch Verständnis für Traugotts Schwester und verurteilt die moralische Ächtung des selbst ernannten Tugendwächters.

Ähnlich zielgerichtet konstruiert ist der zweite Handlungsort Montevideo, dessen Exotik in größtmöglichem Gegensatz zur kleinstädtischen Heimat des Protagonisten stehen sollte. In Uruguay angekommen scheinen sich sämtliche Vorurteile gegenüber der südamerikanischen Lebensart zu bestätigen. Empfangen werden die deutschen Gäste von der so mondänen, wie erotischen Hausdame Madame de la Rocco (Lia Eibenschütz) – allein ihr Name hätte schon genügt – deren Führung durch die fantasievoll geschmückte, großzügig geschnittene Villa, in deren Zimmern sich eine Vielzahl junger hübscher Frauen tummeln, nur einen Schluss zulässt, auf welche Weise Traugotts verstorbene Schwester ihr vieles Geld verdient haben kann.

An Hand der Originalaufnahmen in Uruguay ist zu erkennen, dass der Film in der damaligen Gegenwart spielte. Wenige Jahre zuvor, 1945, erlebte das Theaterstück, das auf Curt Goetz‘ Einakter „Die tote Tante und andere Begebenheiten“ von 1924 basierte, seine Premiere am Broadway. Trotzdem finden weder Krieg, noch Nationalsozialismus Erwähnung in dem Vier-Akter, obwohl die Vergangenheit darin eine zentrale Rolle spielt. Curt Goetz deshalb Verharmlosung vorzuwerfen, wäre falsch. Sein Augenmerk galt den menschlichen Verhaltensmustern, besonders der verlogenen bürgerlichen Doppelmoral, der er mit einem klaren humanistischen Standpunkt gegenüber trat. Das Spiel mit den Vorurteilen, besonders hinsichtlich der Geschlechterrollen, war Bestandteil aller seiner Stücke – eine Sichtweise, die sich so generell, wie zeitlos verstand.

In „Das Haus in Montevideo“ führte Goetz den Betrachter mit südamerikanischem Flair und doppeldeutigen Dialogen aufs Glatteis der Vorurteile. Letztlich nur ein kleines Puzzlestück in der unterschwelligen Beeinflussung eines Publikums, das er sowohl mit seinen Theateraufführungen, als auch mit den drei Verfilmungen in den frühen 50er Jahren begeistern konnte. Angesichts der damals vorherrschenden Moralvorstellungen ein wahres Kunststück, dass ihm nur gelang, weil die von ihm verkörperte männliche Hauptfigur zur Identifikation einlud. Ein autoritärer Despot hätte nur abstoßend gewirkt, aber kombiniert mit Herz und Verstand bot sich Traugott Nägler als Stellvertreter für die damals vorherrschende Haltung an, zumal sie in eine so witzige, wie zeitgemäße Familiengeschichte eingebettet wurde.

Aus heutiger Sicht mag vieles daran altmodisch wirken, aber die grundsätzlichen Mechanismen sind geblieben. Das gilt auch für den inneren Konflikt, in den der Familienvater gerät, als seine scheinbar ehernen Standpunkte zu wanken beginnen. Dass er daraus die Konsequenz der Einsicht und Veränderung zog, ist bis heute unüblich und hat nichts von seinem Vorbildcharakter verloren. 

"Das Haus in MontevideoDeutschland 1951, Regie: Curt Goetz, Valerie von Martens, Drehbuch: Curt Goetz, Hans DomnickDarsteller : Curt Goetz, Valerie Von Martens, Albert Florath, Ruth Niehaus, Lea EibenschützLaufzeit : 88 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Curt Goetz: 

"Napoleon ist an allem schuld" (1938)

Freitag, 8. Juli 2016

Die Fastnachtsbeichte (1960) William Dieterle

Inhalt: 1913 – Mainz am Fastnachtssamstag. Ein Soldat (Rainer Brandt) schwankt auf den Beichtstuhl des Dom-Probst Canon Henrici (Friedrich Domin) zu, bricht aber nach wenigen Worten zusammen. Henrici lässt ihn in die Sakristei bringen und ruft einen Arzt, der aber nur noch den Tod des Mannes feststellen kann. Ihm fällt zudem auf, dass er trotz seiner Uniform kein Soldat sein kann – sein Haarschnitt entspräche nicht den Vorschriften.



Gleichzeitig erreicht Viola (Gitty Djamal) die Villa ihres Onkels Panezza (Hans Söhnker). Sie gehört zum italienischen Zweig der Familie und war seit ihrer Kindheit nicht mehr in Mainz, wird von ihrem Cousin Jeanmarie (Christian Wolff) aber sofort erkannt. Sie reagiert dagegen überrascht auf ihn, was sie mit ihrer langen Abwesenheit entschuldigt. Trotzdem gerät ihre Ankunft etwas ins Hintertreffen, denn die allgemeine Aufregung gehört ihrem Onkel, der in diesem Jahr gemeinsam mit der jungen Katharina (Helga Tölle) das Prinzenpaar bildet. Dass sich ihre Beziehung nicht allein auf den Karneval beschränkt, ahnt scheinbar Niemand…


In Erinnerung an Götz George, mit 77 Jahren gestorben am 19.06.2016

Dass zu Götz Georges Tod sofort an seine Rolle als Tatort-Kommissar Schimanski erinnert wird, ist naheliegend, lässt aber vergessen, dass er schon mehr als 25 Jahre vor "Duisburg - Ruhrort" (1981) als Schauspieler aktiv war, erst in den 60er Jahren dank der "Karl May"-Filme zum Kinostar aufstieg, um in den 70er Jahren zunehmend Fernseh-Präsenz zu zeigen. Neben vielen populären Rollen galt sein Augenmerk immer auch engagierten, in ihrer Entstehungszeit provokanten Werken wie den Staudte-Filmen "Kirmes" (1960) und "Herrenpartie" (1964). Auch "Die Fastnachtsbeichte" nach einer Novelle von Carl Zuckmayer gehörte in diese Kategorie, auch wenn der Verfilmung die Reputation als gesellschaftskritisches Werk damals nicht zugestanden wurde - aus heutiger Sicht eher eine Auszeichnung. 

Die in meinem Text aufgeführten Hintergrundinformationen, mehr aber noch die vergleichenden Überlegungen zur Literaturvorlage Zuckmayers verdanke ich der sehr ausführlichen Analyse eines Vortrags von 1996 aus Anlass der Nähe des Films zur Stadt Mainz. Nachzulesen auf der Web-Seite "Mainz-Minas" mit einer Fülle weiterer Informationen zum Film und dessen Entstehung. 


"Leider erliegt Götz George – wie schon in "Kirmes" – dem Trugschluss, asthmatisches Sprechen wirke schon bei einem Anfang-Zwanziger sehr eindrucksvoll." 

Was genau der Kritiker des "Film-Echo" gehört haben will, bleibt sein persönliches Geheimnis. Götz Georges Stimme klingt in "Die Fastnachtsbeichte" schon genauso vertraut wie mehr als 20 Jahre später in seiner bekanntesten Rolle als "Tatort" - Kommissar Schimanski - zwar ruhiger, scheinbar braver, aber selbstbestimmt und konsequent. Wie im erwähnten "Kirmes" (1960) spielte George auch hier einen jungen Soldaten, dessen äußerliche Angepasstheit nicht über seinen freien Willen hinwegtäuschen sollte. In "Kirmes" desertiert er kurz vor dem Ende des 2.Weltkriegs, in "Die Fastnachtsbeichte" geht er 1913 - der 1.Weltkrieg steht kurz bevor - eine Beziehung mit der Prostituierten Rosa (Ursula Heyer) ein. Sein Verstoß gegen die bürgerlichen Regeln erwächst nicht aus Widerstandsgeist oder intellektueller Überzeugung. Er reagiert einzig aus dem Bauch heraus und steht in seiner monolithischen Ausstrahlung in Opposition zu einem Bürgertum, dessen Verlogenheit sich hinter einer Fassade aus Anstand und Moral versteckt. 

„Die lasche, auf Seelen- und Kostümpomp bedachte Regie des Hollywood-Spätheimkehrers William (Wilhelm) Dieterle vermochte der literarischen Vorlage nicht mehr abzugewinnen als matten Kino-Schwulst.“ („Der Spiegel“, 1960)

Wurde dem damals 22jährigen George in seinem schon siebten Kinofilm insgesamt eine gute Leistung bescheinigt – wenn auch mit Respektabstand zu den erfahrenen Darstellern Hans Söhnker, Friedrich Domin und Berta Drews, Götz Georges leibliche Mutter – kam die Inszenierung des Films schlechter weg. "Die Fastnachtsbeichte" wurde nicht nur Dieterles letzter deutschsprachiger Kinofilm, bevor er sich fast ausschließlich dem Fernsehen zuwandte, vermutet wurde zudem, dass ihn nach dem Misserfolg des Abenteuerfilm-Zweiteilers „Die Herrin der Welt“ (1960) vor allem wirtschaftliche Gründe bewogen, die Regie bei der Zuckmayer-Verfilmung zu übernehmen. „Zuckmayer“ ist auch das entscheidende Stichwort, denn Film-Umsetzungen zeitgenössischer Literatur hatten grundsätzlich einen schweren Stand beim Feuilleton – mit Vorliebe wurde die gesellschaftskritische Relevanz an der Vorlage gemessen.

Dabei hatte Carl Zuckmayer seinen Willen zur Verfilmung der im Jahr zuvor herausgegebenen Novelle deutlich zu verstehen gegeben und Drehbuchautor Kurt Heuser hatte sich eng an dessen Text gehalten. Es fehlen im Film nur wenige Figuren und Dialoge, entscheidend für die Intention der Story waren diese nicht. Das gilt auch für den Beginn, der sich wenig Mühe gibt, die Charaktere und ihre Motive näher zu erklären. Eine von Carl Zuckmayer gewollte Nebeneinanderstellung paralleler Geschehnisse, die in seiner Novelle dank der ausführlichen Beschreibung des Mainzer Lokalkolorits während der alljährlichen Fastnachtsfeierlichkeiten zwar weniger abrupt wirken als im Film, trotzdem aber den Einstieg erschweren. Der tödliche Zusammenbruch eines unbekannten Soldaten im Beichtstuhl des Dom-Probst (Friedrich Domin), die Ankunft von Viola (Gitty Djamal), einer jungen Italienerin, im Haus ihres wohlhabenden Onkels Panezza (Hans Söhnker) in Mainz oder die allgemeine Aufregung um dessen bevorstehenden Auftritt als Karnevalsprinz an der Seite der viel jüngeren Katharina (Helga Tölle) scheinen in keinem Zusammenhang zu stehen.

Die Einführung weiterer Haupt- und Nebenfiguren steigert noch die Verwirrung. Warum reagierte Viola so merkwürdig auf ihren Cousin Jeanmarie (Christian Wolff), der die hübsche junge Frau, die er seit seiner Kindheit nicht mehr gesehen hatte, mehr als freundlich begrüßte? – Welche Rolle spielt die ältliche Frau Bäumler (Bertha Drews) in Panezzas Haushalt und warum hasst sie ihren Sohn Clemens (Götz George)? – Dieser gerät zunehmend in den Strudel der Ereignisse. Madame Guttier (Hilde Hildebrandt) findet ihn betrunken in den Armen einer jungen Prostituierten. Als sie versucht ihn aufzuwecken, bezeichnet er sich als tot und schmeißt mit Geld nur so um sich. Auch eine Waffe fällt aus seiner Rocktasche, weshalb die Bordellbesitzerin die Polizei ruft. Clemens wird von der Polizei festgenommen und als es sich herausstellt, dass es sich bei dem Toten um seinen Bruder Ferdinand (Rainer Brandt) handelt, gerät er in Mordverdacht. Seine eigene Mutter beschuldigt ihn lauthals, ihr den geliebten Sohn aus Neid und Eifersucht genommen zu haben.

Diese Ausgangssituation und die langsame Aufklärung der tatsächlichen Zusammenhänge mithilfe von Rückblenden brachten der „Fastnachtsbeichte“ den Ruf einer Kriminalgeschichte ein. Für Zuckmayer nur der Rahmen eines doppelbödigen Spiels. Der Karneval mit seinen Maskeraden und Momenten moralischer Freiheit bildete den idealen Hintergrund für die Diskrepanz von Schein und Sein, ließ die heimlichen Sehnsüchte der Protagonisten ebenso erkennen, wie ihre Unfähigkeit sie auszuleben. Dass Selbstbetrug und Vortäuschung äußerlicher Moral tödliche Abläufe in Gang setzen, gehört heute zum Standard-Repertoire des Kriminalfilms. Die wenig spektakuläre Aufklärung des Mordes interessierte den Autor in diesem Zusammenhang aber nur am Rande, mehr lag sein Augenmerk auf der brüchigen Fassade einer bürgerlichen Gesellschaft am Vorabend des 1. Weltkriegs. Und das er seine 1959 herausgebrachte Novelle in diese Zeit versetzte lässt sich nur als Kommentar auf eine Gegenwart verstehen, deren prinzipiellen Mechanismen sich nicht verändert hatten.

Auch William Dieterles Film ist diese Nähe zur Gegenwart von 1960 anzumerken. Vielleicht nicht beabsichtigt, aber dank der zeitgenössischen Stadtbilder von Mainz und der Integrierung dokumentarischer Aufnahmen vom Rosenmontagszug der 50er Jahre, erzeugt „Die Fastnachtsbeichte“ trotz seiner authentischen Ausstattung nicht den Eindruck einer weit zurückliegenden, abgeschlossenen Historie – möglicherweise fehlte dem „Spiegel“-Kritiker, der den Film als „Kostümpomp“ verurteilte, noch der notwendige zeitliche Abstand für diese Sichtweise. Trotzdem ist die Kritik an der mangelnden Relevanz der Verfilmung nicht ungerechtfertigt. Bis auf Berta Drews als hasserfüllte Mutter loteten die Charaktere nur selten die menschlichen Abgründe aus. Hans Söhnker in der Rolle des Familienoberhaupts Panezza und die schöne Viola blieben menschlich nachvollziehbar, Jeanmaries im Film abgeschwächte Position zwischen zwei Frauen entsprach Christian Wolffs damaligem Typus als anständiger Vertreter der deutschen Nachkriegsjugend, Friedrich Domin gab einen so souveränen, wie toleranten Probst und Götz George wurde zum Sympathieträger. 

Doch diese Figuren-Konstellation täuscht über die Brisanz hinweg, die ihr Verhalten Ende der 50er Jahre noch auslöste. Auch Zuckmayers Theaterstücke und Erzählungen waren in ihrer Gesellschaftskritik eher unterschwellig und verdankten ihre Popularität nicht zuletzt ihrem hohen Unterhaltungswert. Den besitzt auch Dieterles Verfilmung, die nach ihrem sperrigen Beginn zunehmend zu fesseln vermag. Eine generelle Kritik an der Bürgerschicht ließ sich daraus zwar nur schwer herauszufiltern, aber die Sympathien gehörten eindeutig den gegen die Norm verstoßenden Protagonisten. 

"Die Fastnachtsbeichte" Deutschland 1960, Regie: William Dieterle, Drehbuch: Kurt Heuser, Carl Zuckmayer (Novelle), Darsteller : Hans Söhnker, Gitty Djamal, Götz George, Christian Wolff, Berta Drews, Grit Boettcher, Friedrich Domin, Rainer Brandt, Hilde Hildebrandt, Wolfgang Völz, Harry Engel, Laufzeit : 96 Minuten

Sonntag, 19. Juni 2016

Suzanne - die Wirtin von der Lahn (1967) Franz Antel

"Die Wirtin von der Lahn" (Teri Tordai) im Heimatfilm-Look
Inhalt: 1810 in Gießen an der Lahn: Während sich die Studenten unter der Führung von Anselmo (Mike Marshall) gegen die Willkür-Herrschaft des von Napoleon eingesetzten Statthalters Graf Dulce (Jacques Herlin) mit Spott-Gedichten auflehnen, verfolgt der wohlhabende Gastwirt Goppelmann (Oskar Sima) ganz eigene Ziele. Er will das an der Lahn gelegene Wirtshaus von der alten Besitzerin erwerben. Doch diese denkt gar nicht daran, ihm es zu verkaufen, sondern vererbt es spontan an Suzanne (Teri Tordai), die gerade mit ihrer Schauspieltruppe eingetroffen war, bevor sie stirbt.

Anselmo (Mike Marshall) als studentischer Aufrührer
Ein Schlag, den Goppelmann nicht wehrlos hinnimmt. Im Wissen, dass Anselmo mit einer Druckerpresse Flugblätter gegen die Obrigkeit herstellt, erpresst er ihn, seine Dichtkünste gegen die neue Wirtin an der Lahn zu richten. Er soll sie mit seinen Fünfzeilern moralisch diskreditieren, damit sie und ihre Leute aus der Stadt gejagt werden. Anselmo, der Suzanne noch nicht kennengelernt hat, murrt zwar, verbreitet mit seinen Gedichten aber schnell das Gerücht über die losen Sitten, die im Wirtshaus herrschen sollen. Doch die Reaktionen darauf fallen anders aus, als es Goppelmann erhofft hatte… 



"Es steht ein Wirthaus an der Lahn,
da kehren alle Fuhrleut' ein,
Frau Wirtin sitzt am Ofen,
die Fuhrleut' um den Tisch herum,
die Gäste sind besoffen"




So lautet der erste "Wirtinnen"-Fünfzeiler, dem noch viele Hundert folgen sollten. Heute ist die Bedeutung dieser aus dem 18.Jahrhundert stammenden Spottverse ebenso in Vergessenheit geraten wie Franz Antels früher Erotik-Film "Die Wirtin von der Lahn", der sich an den anzüglichen Gedichten orientierte und mit fünf Nachfolgern zur ersten erfolgreichen Erotikfilm-Reihe wurde.
Die Screenshots hier im Blog stammen von der italienischen Fassung, sind zwar recht grobkörnig, aber das Bildformat ist näher am Original als die deutsche Fassung.



Harald Leipnitz und Teri Tordai als Partner im Clinch...
"Liebesgrüße aus Tirol" (1965), "Ruf der Wälder" (1965), "Happy End am Wolfgangsee" (1966) - so lauteten die Titel der letzten drei gemeinsamen Filme von Regisseur Franz Antel und Drehbuchautor Kurt Nachmann, bevor sie "Suzanne - die Wirtin von der Lahn" 1967 herausbrachten. Seit sie Mitte der 50er Jahre ("Heimatland" (1955)) begannen, die deutsche Musik- und Heimatfilmlandschaft in Richtung Moderne zu trimmen, waren sie zu einem eingeschworenen Team geworden - den Niedergang des Genres in den 60er Jahren konnten sie trotzdem nicht verhindern (siehe den Essay „Der Weg in die Moderne - der Heimatfilm der Jahre 1958 bis 1969“). Weder half die zeitgemäße Interpretation des Eschenbach-Stoffs in "Ruf der Wälder", noch die Frivolität in "Happy End am Wolfgangsee", dem der Film seine spätere Umbenennung in "00 Sex am Wolfgangsee" verdankte. Erst "Die Wirtin" belohnte das Wagnis, verstärkt auf die Sex-Karte zu setzen, und brachte den erhofften Erfolg an der Kinokasse nicht nur in Deutschland, sondern auch im Land des Co-Produzenten Italien.

...und auf Abwegen mit Caroline (Pascal Petite)...
Mit von der Partie waren auch die Ungarn und die Franzosen – im frühen Erotikfilm keine Seltenheit, um das Risiko auf viele Schultern zu verteilen. Diesem Einfluss war auch die Besetzung der Titelrolle mit der ungarischen Schauspielerin Teri Tordai zu verdanken, die der Reihe in allen sechs Folgen vorstand, während ihr männlicher Co-Partner Harald Leipnitz nach Teil 4 ausstieg. Die Internationalität in der Besetzung blieb ein Charakteristikum der „Wirtinnen“-Filme. Der US-Darsteller Mike Marshall gab ein Gastspiel als revolutionärer Student im Erstling, die Französin Pascal Petit bereicherte die ersten beiden Wirtinnen-Filme mit ihrer Erotik, ihr Landsmann, der Komiker Jacques Herlin, gehörte zum Inventar aller sechs Verfilmungen und die italienischen Erotik-Aktricen Femi Benussi und Edwige Fenech standen in Nebenrollen noch am Beginn ihrer Karrieren. Die schmissige Musik des Titelsongs stammte aus der Feder des italienischen Filmkomponisten Gianni Ferrio, aber die entscheidenden Ideengeber blieben Regisseur Antel und Autor Kurt Nachmann, die eine feine Mischung aus Historie, Heimatfilm und Erotikkomödie ersannen, die den Nerv des damaligen Publikums traf.

...und Anselmo
„Die Wirtin von der Lahn“ wurde nicht nur zur längsten Filmreihe im deutschsprachigen Kino mit einer weiblichen Hauptfigur im Zentrum des Geschehens, sie kam vor Oskar Kolles Aufklärungsfilmen („Das Wunder der Liebe“, 1968) und Erwin Dietrichs „Die Nichten der Frau Oberst“ (1968) heraus und brachte es schon auf fünf Filme, bevor der „Schulmädchen-Report“ (1970) erstmals auf die Leinwand kam. Trotzdem taucht die Reihe in keiner Nachbetrachtung zur Entstehung des deutschen Sexfilms auf und wurde nur lieblos und ohne Zeitbezug auf Video oder DVD veröffentlicht. Dabei sind die Filme ein wunderbares Spiegelbild ihrer Zeit und geben ein Beispiel für die rasante soziologische Entwicklung der späten 60er Jahre – eine Wiederentdeckung:

Der Graf (Jacques Herlin) und sein Vasall (Gunther Philipp)...
Antel und Nachmann setzten früh auf ein probates Mittel, um größere Zuschauerschichten zu erreichen – die Historie. Wie der überragende Erfolg von „Die Nichten der Frau Oberst“ nach einer Romanvorlage von Guy de Maupassant wenig später erneut bewies, nahmen historisch-literarische Vorlagen dem Publikum die Berührungsängste vor dem Erotik-Film. Die anzüglich-derben fünfzeiligen Verse im Stil eines „Limericks“ über die „Wirtin von der Lahn“ besaßen ihren Ursprung im frühen 18.Jahrhundert und verstanden sich als Gegen-Reaktion auf die strengen bürgerlichen Moralvorstellungen. Wie diffizil der Umgang mit den Spott-Gedichten 1967 noch war, wird daran deutlich, dass besonders frivole Zeilen bis zur Unverständlichkeit verfremdet wurden. Auch das „Eingreifen der Sitten-Commission“ im Stil einer Tafel, die sich über das Bild schiebt, sobald nackte Haut zu sehen ist, war Witz und Notwendigkeit zugleich. Antel machte sich über die Zensur lustig, kam ihr aber gleichzeitig entgegen.

...wollen Anselmo an den Kragen, aber...
Dieser ständige Wechsel zwischen Moral und Unmoral ist charakteristisch für den gesamten Film, besonders aber für die Gestaltung der weiblichen Hauptfigur, die von Teri Tordai zwischen Emanzipation und Unterordnung, zwischen Freizügigkeit und Tugend angelegt wurde. Als Leiterin einer fahrenden Schauspieltruppe tritt sie selbstbewusst und bestimmt auf, zum Helden des Films wird aber der Student Anselmo (Mike Marshall), der sich gegen den Grafen Dulce (Jacques Herlin), einen Statthalter Napoleons, auflehnt, der die Menschen in Gießen und Umgebung unterdrückt. Suzanne wird Anselmos Geliebte, obwohl ihm die anzüglichen Verse über die „Wirtin von der Lahn“ zu verdanken sind. Ursprünglich setzte er seine fünfzeiligen Spott-Gedichte gegen die Obrigkeit ein und verbreitete sie auf Flugzetteln, aber der verschlagene Wirtshausbesitzer Goppelmann (Oskar Sima) hatte ihn gezwungen, auf diese Weise die angebliche Unmoral im „Wirtshaus an der Lahn“ zu besingen, um die lästige Konkurrentin loszuwerden, die durch Zufall Wirtshausbesitzerin geworden war.

...wichtiger ist das "Wirtshaus an der Lahn" und...
Der dahinter verborgene Widerspruch steht beispielhaft für die Entstehungszeit des Films. Die Spott-Verse über die „Wirtin von der Lahn“ versprachen ungenierte Erotik, in der Film-Handlung stehen sie aber für eine falsche Behauptung. Frau Wirtin und ihre Schauspiel-Truppe sind in Wirklichkeit ganz tugendhaft, was sie aber nicht daran hindert, dem geilen Grafen Dulce - durch die vielversprechenden Verse angelockt - einen Bordell-Betrieb im Wirtshaus vorzuspielen. Natürlich nur Theater, um Zeit zu gewinnen, damit der zum Tode verurteilte Anselmo noch begnadigt werden kann. Diese On/Off-Vorgehensweise hatte den Vorteil, ordentlich Frivolitäten und Nacktheit auf die Leinwand zu bringen, ohne die Protagonisten als unmoralisch zu diskreditieren. Teri Tordai trat zwar in verführerischen Posen auf, war aber nur für einen Mann zu haben. Als sie einmal allein über den Wipfeln der Umgebung durch die Landschaft schreitet, erinnert ihre Inszenierung unmittelbar an den Heimatfilm.

...seine Verlockungen
Unterstützend stand ihr in einer Nebenrolle Hannelore Auer zur Seite, die hier nur wenig als Sängerin in Erscheinung trat, sondern mehr um als so hübsches, wie anständiges Mitglied der Theatergruppe am Ende den netten Sohn des bösen Goppelmann zu ehelichen und gemeinsam mit ihm das „Wirtshaus an der Lahn“ weiter zu führen. So viel Ordnung musste 1967 im Erotikfilm noch sein.


Die Wirtin setzt sich gegen Göppelmann (Oskar Sima) durch
Diese inkonsequente Vorgehensweise wirkt aus heutiger Sicht altmodisch, lässt aber nicht übersehen, mit welchem Spaß die Beteiligten damals bei der Sache waren. Besonders im Zusammenspiel von Teri Tordai und Harald Leipniz wurden die nach außen hin behaupteten Konzessionen lässig hintertrieben. Leipniz als männliches Gegenstück in der Schauspieltruppe, der hier etwas konstruiert zum Offizier der französischen Armee gemacht wird, steht in einer nicht konkretisierten Beziehung zu Frau Wirtin und liefert sich mit ihr manches Wortgefecht. Am Ende erweisen sich ihre jeweiligen Techtelmechtel nur als Intermezzo und sie begeben sich wieder gemeinsam auf den Weg zu neuen Abenteuern – in einer fröhlichen Ungezwungenheit, die den gesamten Film prägte und ihn über jede Unzulänglichkeit der Handlung trug.

"Suzanne - die Wirtin von der Lahn" Deutschland, Italien, Frankreich, Ungarn 1967, Regie: Franz Antel, Drehbuch: Kurt Nachmann, Darsteller : Teri Tordai, Harald Leipnitz, Mike Marshall, Pascal Petite, Jacques Herlin, Hannelore Auer, Gunther Philipp, Oskar Sima, Franz Muxeneder, Laufzeit : 87 Minuten

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"Warum habe ich bloss 2x ja gesagt" (1969)