Montag, 25. August 2014

Unruhige Töchter (1967) Hansjörg Amon

Inhalt: Nachdem sie mit ihrem schicken Coupé vor der Schule geparkt hatte, geht Susanne, genannt „Sue“ (Brigitte Skay), fröhlich tänzelnd in den Unterrichtsraum, stolz einen Button auf der Brust tragend mit der Aufschrift „Ich liebe Männer“ in französischer Sprache. Als ihre Lehrerin (Heidy Forster) sie auffordert, den Button zu entfernen, antwortet sie mit einem unschuldigen Blick, dass das doch für ein Mädchen ganz normal wäre. Für ihre Klassenkameraden ist Sue Vorbild und Provokation zugleich, besonders ein verklemmter Mitschüler weiß kaum, wie er an sich halten soll.

Im Gegensatz zur hilflosen Kollegin lässt sich der seriöse Lateinlehrer nicht provozieren, bleibt ruhig und erklärt an der Tafel die Funktion der Pille. Nicht zur Freude des Direktors, der die Moral seiner Schüler für gefährdet sieht. Sue reagiert dagegen sehr freundlich auf ihn und bietet ihm nach dem Unterricht an, ihn mit ihrem Auto nach Hause zu fahren. Doch sie hat eine ganz andere Tour im Sinn und sein Widerstand ist angesichts des schönen Autos und der weiteren Perspektive schnell gebrochen – ein Anruf bei seiner zu Hause wartenden Ehefrau leitet einen aufregenden Tag ein…

Nach  "Schwarzer Markt der Liebe" und "St.Pauli zwischen Nacht und Morgen". fügte die PIDAX am 12.08.2014 mit "Unruhige Töchter" einen weiteren wichtigen Baustein Erwin C.Dietrichs hinzu, auf dessen Weg zu einem der wesentlichen Pioniere des deutschsprachigen Erotik-Films - auch seine folgenden Werke ("...und noch nicht 16") werden bei der PIDAX erstmals auf DVD veröffentlicht und damit endlich wieder allgemein zugänglich. Mehr als lohnende Wiederentdeckungen, die sehr viel über ihre Entstehungszeit und die deutsche Gesellschaft an sich verraten. (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite).










Erwin C.Dietrich hatte offensichtlich Blut geleckt. Nach seinem Einstieg als Produzent in das Erotik-Genre mit "Schwarzer Markt der Liebe" (1966, Regie Ernst Hofbauer) und "St.Pauli zwischen Nacht und Morgen" (1967), die vom Stil des französischen Erotik-Pioniers José Bénazeraf geprägt waren, der beim "St.Pauli" - Streifen selbst Regie führte, begann Dietrich sein Engagement und damit den Einfluss bei der Entwicklung seiner Film-Produktionen zu erhöhen. Offiziell wurde er zwar erstmals bei "Hinterhöfe der Liebe" (1968) als Regisseur geführt, aber die sonst unbekannt gebliebenen Regisseure Georg Ammann ("Seitenstraßen der Prostitution" (1967)) und Hansjörg Amon ("Unruhige Töchter") hatten offensichtlich nur die Funktion seines verlängerten Arms, bevor mit Kameramann Peter Baumgartner bei "...und noch nicht sechzehn" (1968) sein ständiger Mitstreiter ausnahmsweise einmal auch auf dem Regie-Stuhl Platz nahm.

Neben Baumgartner, seit "St.Pauli zwischen Nacht und Morgen" festes Crew-Mitglied, hatte der Schweizer Produzent für "Unruhige Töchter" auch Drehbuchautor Wolfgang Steinhardt nach seiner Mitwirkung beim Bénazéraf-Film ein weiteres Mal verpflichtet, um den "Quick"-Fortsetzungsroman "Unruhige Töchter" der Autorin Ilse Collignon für seinen ersten erotischen Farbfilm zu adaptieren. Der Handlungsort Bern schien angesichts der zuvor in Berlin und Hamburg angesiedelten Filme vordergründig  provinziell, aber Baumgartner fing die Schweizer Hauptstadt mit großstädtischem Flair ein. Begleitet von der Schweizer Beat-Band „The Countdowns“, die bei einem Konzert auch im Bild ist und deren Musik den Film prägt, gelang es, das stylische 60er Jahre Feeling der Vorgängerfilme fortzuführen, kombiniert mit einer Farbgebung, die besonders bei der Garderobe von Hauptdarstellerin Brigitte Skay die gewollte Wirkung erzielte.

Die Story selbst bedeutete hingegen eine Abkehr vom bisher bevorzugten Gangster- und Prostitutions-Milieu und widmete sich jungen Frauen aus der bürgerlichen Mitte, die nicht mehr klaglos bereit waren, die für sie traditionell vorgesehene Rolle als Ehefrau und Mutter einzunehmen. „Unruhige Töchter“ war ein typischer Kolportage-Roman dieser Zeit, der die sozialen Veränderungen in Richtung Hedonismus und frei gelebter Sexualität unter Vorgabe eines angeblichen Realitätsanspruchs bewusst dramatisierte. Damit wurden gleichzeitig Sensationslust und aufkommende Ängste bedient, um diese durch die Beschränkung auf ein Einzelschicksal wieder zu beruhigen.

In Dietrichs Film wurde die im Mittelpunkt stehende Susanne (Brigitte Skay), cool „Sue“ genannt, zu einem entsprechend künstlichen Charakter hochstilisiert. Obwohl die 18jährige, damals noch minderjährige Schülerin kurz vor dem Abitur steht, lebt sie weit entfernt von ihren reichen, sie finanziell großzügig unterstützenden Eltern allein in einer mondän eingerichteten Wohnung und fährt täglich mit dem Sport-Coupé zur Schule. Außer ihren Klassenkameradinnen, mit denen sie sich regelmäßig trifft, existiert kein soziales Umfeld, dass zu ihrem selbstbestimmt, kessen Verhalten hätte Stellung nehmen müssen. So kommt es zu der außergewöhnlichen Situation, dass es die Schülerin ist, die ihren Lehrer zuerst mit ihren Besitztümern beeindruckt und dann verführt. Während die Ehefrau des sonst so pünktlichen Lateinlehrers zu Hause auf ihn wartet, lässt Sue ihn ans Steuer ihres Motorboots und cruist mit ihm durchs nächtliche Bern, bevor sie in einem angesagten Dance-Club zu Beat-Rhythmen eine Sohle aufs Parkett legen. Mit der Konsequenz, dass er danach sein kleinbürgerliches Leben satt hat und sich in seine Schülerin verliebt.

So irreal diese Konstellation auch wirkt, auf illegalen Sex zwischen Lehrer und Schülerin wollte sich der Film nicht einlassen, sondern nutzte die Szenerie nur dafür, um Sues kaltblütiges, strategisches Vorgehen zu demonstrieren. Dem verliebten Lehrer zeigt sie nach dem gemeinsamen Abend nur noch die kalte Schulter – für den Sex ist dagegen ihr Fotograf zuständig, dessen von ihr gemachten Aktaufnahmen sie nicht nur bereitwillig vorzeigt, sondern die auch ihren Einstieg ins Film-Business vorbereiten sollen. Ihm verdankt sie auch die gute psychologische Vorbereitung auf den älteren Regisseur (Ruedi Walter) ihres ersten Films, dessen Vorliebe für sehr junge Frauen noch durch deren jungfräuliche Zurückhaltung gesteigert wird. Kein Problem für Sue, die nicht lange dafür braucht, bis ihr der selbstverliebte Künstler aus den Händen frisst. Doch auch er ist nur Mittel zum Zweck, denn Sue will ganz nach oben - bis nach Hollywood.

Die Rolle der Sue bedeutete für die damalige Mittzwanzigerin Brigitte Skay den Durchbruch nach zuvor kleineren Rollen, legte sie aber auf den Rollentypus der verführerischen Schönen fest („Bengelchen liebt kreuz und quer“, 1968). In Dietrichs Film blieben ihre Nacktaufnahmen noch dezent, zudem begleitet von einem bewusst mädchenhaften Gestus, der wenig von der „Femme fatale“ an sich hatte, die die Handlung vorsah. Weder das Schicksal der Männer, die nur ihrem Ehrgeiz dienten, noch die Vergewaltigung ihrer lesbischen, ebenfalls in Sue verliebten Mitschülerin (Bella Neri) durch einen verklemmten Klassenkameraden, lassen Tragik aufkommen – immer bleibt die linear vorgetragene Story spielerisch leicht und ohne dramatische Wendungen. Sue tröstet ihre Freundin eben ganz auf ihre direkte, mitfühlende Art.

Ob Autor Steinhardt und Erwin C.Dietrich dem Kolportage-Charakter der literarischen Vorlage die Schärfe nehmen wollten, um sie Mitte der 60er Jahre als Erotik-Film auf die Kinoleinwand bringen zu können, bleibt spekulativ, aber sie trieben der Story damit erfolgreich den pädagogischen, warnenden Gestus aus. Die Figur der Sue ist so überhöht, dass sie weder als Vorbild, noch als abschreckendes Beispiel für junge Frauen dienen konnte. In Erinnerung bleibt ein jederzeit fröhliches, zunehmend sympathisches Mädchen, das reihenweise lächerliche Männer hinter sich lässt, ohne Schaden daran zu nehmen. Dass der griesgrämige Lateinlehrer sie am Ende durchs Abitur fallen lässt, spielt da schon keine Rolle mehr.

"Unruhige Töchter" Deutschland, Schweiz 1967, Regie: Hansjörg Amon, Drehbuch: Wolfgang Steinhardt, Ilse Collignon (Roman), Darsteller : Brigitte Skay, Heidy Forster, Ruedi Walter, Bella Neri, Peter CapraLaufzeit : 78 Minuten


weitere im Blog besprochene Filme von Erwin C.Dietrich:

Sonntag, 17. August 2014

Atemlos vor Liebe (1970) Dietrich Krausser

Inhalt: Paul (Hans Peter Hallwachs) dringt mit zwei Kumpels in eine Wohnung ein, um ein Club-Mitglied brutal zu bestrafen, dass eine feste Beziehung mit einer Frau eingegangen war, sie sogar geheiratet hatte, ohne ihn und die anderen Kameraden zu beteiligen, womit er gegen die Club-Regeln verstoßen hatte. Gemeinsam mit Jutta (Monika Zinnenberg), die ihr Geld neben der Schule mit Prostitution und Aktfotografie verdient, überfällt er Liebespaare in deren Autos. Sie ziehen sie aus und machen Nacktfotos, um sie später zu erpressen.

Juttas Klassenkameradin Birgit (Uschi Moser) ist dagegen noch Jungfrau, wie sie einer anderen Abiturientin verrät, für die der Sex mit ihrem Freund schon alltäglich ist. Als Paul die Mädchen nach der Schule in ihren Keller-Club einlädt, gerät auch Birgit in seinen Einfluss, wird per Loseziehen zum Sex verdonnert und muss Aktfotos von sich machen lassen, um damit angeblich einen Unfallschaden abzuzahlen. Als sie den netten Hans (Hans Hass Jr.) kennenlernt, der sich ernsthaft für sie interessiert, gerät sie zunehmend in Konflikt mit der Clique…


Nachdem sich Dietrich Krausser, Regisseur und Drehbuchautor in Personalunion, im Zug der Aufklärungsfilmwelle der "Technik der körperlichen Liebe" (1968) gewidmet hatte, wollte er es in seinem nachfolgenden Film offensichtlich krachen lassen. "Atemlos vor Liebe" klingt nach großen Emotionen, Haltlosigkeit und Kontrollverlust - und damit nach Kontrastprogramm zur pädagogischen Seriosität, mit der Ende der 60er Jahre vielfach versucht wurde, der aufkommenden Sex-Welle zu begegnen. Auch der spätere Vermarktungstitel der VHS-Veröffentlichung "Flash-Teens im Blitzlicht" betonte den Sexploitation-Charakter eines Films, der kräftig auf der Nacktfilmwelle mitschwamm, dessen tatsächliche Intention aber mehr an die Moral-Filme der späten 50er Jahre erinnert ("Wegen Verführung Minderjähriger",1960), als man glaubte, die zunehmenden soziokulturellen Veränderungen nach dem Krieg noch aufhalten zu können und der Jugend im Rahmen eines Unterhaltungsfilms den "rechten Weg" zeigen wollte.

In dieser Phase orientierten sich die Filme äußerlich an modernen Zeiterscheinungen wie Rock’n Roll und Teenager-Liebe ("Die Frühreifen",1957), um gleichzeitig mit erhobenem Zeigefinger davor zu warnen - eine Mischung aus kassentauglicher Attraktion und konservativen Moralvorstellungen. "Atemlos vor Liebe" war hingegen in einer Zeit angekommen, in der die Zielgruppe mit Tabuthemen wie „Sex vor der Ehe“ nicht mehr erreicht werden konnte. Entsprechend selbstverständlich wird das Thema Sex unter den jungen Frauen behandelt, aber mit den angehenden Abiturientinnen Jutta (Monika Zinneberg), die ihr Taschengeld mit Prostitution und Aktfotografie aufbessert, und Birgit (Uschi Moser), die gegenüber einer Klassenkameradin gesteht, dass sie noch Jungfrau ist und von einem idealen Mann träumt, stellte der Film zwei Antipoden in den Mittelpunkt, ohne einen Zweifel daran zu lassen, bei welcher es sich um das „gute“ und das „böse“ Mädchen handelt.

Schon äußerlich trennen die agile, selbstbewusst auftretende blonde Jutta und die dunkelhaarige, den sanftmütigen Typ verkörpernde Birgit Welten. Während Birgit noch an die große Liebe glaubt, zieht Jutta mit Paul (Hans Peter Hallwachs) um die Häuser, der das Klischee des Bürgerschrecks in Reinkultur verkörpert. Dank reicher Eltern auf keinen Broterwerb angewiesen und mit Sportwagen ausgestattet, terrorisiert er seine Umgebung, lässt ein „Club-Mitglied“ auspeitschen, weil er es wagte, eine feste Beziehung mit einer Frau einzugehen (getreu dem Motto: „Wer zweimal mit derselben pennt…“), und arbeitet mit zwei Deutsch mit Akzent sprechenden „Foto-Künstlern“ zusammen, denen er durch Erpressung Nacktmodelle liefert. Immer unterstützt von Jutta, die selbst auch auf den Auslöser der Kamera drückt, nachdem sie Liebespaare in deren Autos überfallen und danach entkleidet hatten.

Zu Beginn erfüllte Krausser mit der Action um Paul und Jutta das Versprechen an einen Sexploitation-Reißer, auch wenn die polizeilichen Gegenmaßnahmen dilettantisch wirken und der Erzählstrang irgendwann sang- und klanglos fallen gelassen wird, denn zunehmend liegt der Schwerpunkt der Handlung auf Birgit und ihre angehende Beziehung mit dem hübschen und zuverlässigen Hans (Hans Hass Jr.). Wieso sich die brave Birgit überhaupt länger im Umfeld Juttas aufhielt, prompt per Losentscheid von Paul entjungfert wird und ebenfalls beim Aktfotografen antreten muss, bleibt das Geheimnis des Films? - Krausser ließ Birgit trotzdem weiter rein und unschuldig wirken. Die Konsequenz nach dem Loseziehen erfährt der Betrachter nur nebenbei aus dem Mund des Mädchens und beim Foto-Shooting behält sie noch die Wäsche an. Erpresst wird sie später mit einer Fotomontage ihres Kopfes auf einem nackten Frauenkörper - eine Mühe, die sich die rücksichtslosen Jutta und Paul sonst nicht machen.

Natürlich ist auch Uschi Moser, erstmals im Erwin C.Dietrich Erotik-Film „Champagner für Zimmer 17“ (1969) aufgetreten, häufig unbekleidet zu sehen, aber meist in Interaktion mit Hans, mit dem sie eine verantwortungsvolle, auf gegenseitige Rücksichtnahme aufgebaute Liebesbeziehung eingeht, die direkt in den Hafen der Ehe führt. Zwar haben sie schon vorher Sex, schließlich handelt man modern, aber erst nachdem Hans gelernt hatte, sich zurückzunehmen und die liebevollen Signale seines weiblichen Widerparts zu verstehen. Trotzdem erweist er sich als ganzer Kerl und wahrt die Ehre seiner Freundin per Manneskraft. Belohnt wird er dafür mit einer perfekten Hausfrau, die ihm in ihrer gepflegten, modisch ausgestatteten Wohnung das Frühstück kredenzt, um sich danach der Handarbeit zu widmen – willkommen in der heilen Welt der frühen 70er Jahre.

Krausser gelang damit der fliegende Wechsel von „Sex and Crime“ zum Aufklärungsfilm in der Tradition seines Vorgängerfilms „Technik der körperlichen Liebe“, dem er noch „Junge Leute wollen lieben“ folgen ließ, ebenfalls mit Uschi Moser in der Hauptrolle. Für Beide schon fast das Ende ihrer jeweiligen Filmkarriere (1981 kam noch ihr gemeinsamer Film „Liebe 80“ heraus), denn im Gegensatz zur zwar hübschen, aber steif agierenden Uschi Moser, konnten besonders Monika Zinnenberg und Hans Peter Hallwachs in ihren sinistren Rollen überzeugen. Für Hallwachs der Beginn  eines bis heute anhaltenden Erfolgs als Schauspieler, während Monika Zinnenberg zehn Jahre später auf den Regie-Stuhl wechselte. Auch das Urteil der Zuschauer dürfte nicht anders ausgefallen sein, weshalb die pädagogische Wirkung des Films in der Stilisierung eines jungen modischen Paares, dass trotzdem nach den traditionellen Verhaltensmustern lebt, eher zu vernachlässigen war – in Erinnerung bleiben dagegen die „Flash-Teens im Blitzlicht“.

"Atemlos vor Liebe" Deutschland 1970Regie: Dietrich Krausser, Drehbuch: Dietrich Krausser, Darsteller : Uschi Moser, Hans Hass Jr., Hans Peter Hallwachs, Monika Zinnenberg, Dieter Prochnow, Günther UngeheuerLaufzeit : 84 Minuten

Nächtlicher Überraschungsfilm beim 13. Hofbauer-Kongress zu Nürnberg vom 24. bis 28.07.2014

Freitag, 15. August 2014

Morituri (1948) Eugen York

Inhalt: Der polnische Arzt Dr.Leon Bronek (Walter Richter), dessen Frau (Winnie Markus) von der SS ermordet wurde, wird jeden Tag im Konzentrationslager gezwungen, die schon völlig entkräfteten Männer für den Arbeitsdienst freizugeben. Mit einer echten ärztlichen Diagnose hat seine Arbeit nichts zu tun, weshalb die Masse an ausgemergelten Leibern vor seinen Augen langsam verschwimmt, bis er in Trance von „arbeitstauglich“ in „untauglich“ wechselt, womit er die Männer quasi zum Tod verurteilt.

Während diese in einer Baracke auf ihre baldige Hinrichtung warten, kommt ihnen Dr.Bronek zu Hilfe und ermöglicht Ihnen die Flucht, indem er den Strom kurz ausschaltet und Bretter gibt, mit den sie über den Stacheldraht klettern können. Die meisten von ihnen werden erschossen, aber Bronek und vier Männer können in einem dichten Wald untertauchen, wo sie in einer kleinen Lichtung auf andere Flüchtlinge treffen. Diese ernähren sich von Hilfsgaben aus den umliegenden polnischen Dörfern und warten auf die heranrückende Front…

 "Morituri" (1948) gehört nicht nur zu den ersten Filmen, die nach dem Krieg in Westdeutschland entstanden, sondern setzte sich als einer der ersten mit der unmittelbaren Vergangenheit auseinander - Nationalsozialismus, KZ, Judenverfolgung und Krieg. Produzent Arthur Brauner, der das Drehbuch auf Basis seiner eigener Erfahrungen als polnischer Jude schrieb, stieß auf erheblichen Widerstand bei der Umsetzung, weshalb die Finanzierung erst nach seinem Erfolg mit der Komödie "Herzkönig" feststand. Doch auch in den Kinos wurde der Film heftig abgelehnt und ein großer Misserfolg. Dass die PIDAX ihn ab dem 22.08.2014 wieder der Vergessenheit entreißt, war überfällig. (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite).










Es benötigt nicht viel Fantasie, um sich die Schwierigkeiten vorzustellen, die sich vor einem jungen Produzenten auftürmten, als er unmittelbar nach dem Ende des 2.Weltkriegs im zerstörten Deutschland versuchte, ein Filmprojekt auf die Beine zu stellen. Doch mit einem derartig großen Widerstand hatte Arthur Brauner, ein überlebender polnischer Jude, nicht gerechnet, als er bei den Besatzungsmächten um eine Genehmigung nachsuchte. Sein selbst verfasstes Drehbuch trug autobiografische Züge in der Beschreibung von Flüchtigen und Untergetauchten, die sich unter lebensunwürdigen Umständen vor der SS und der Wehrmacht versteckten, aber trotz der kritischen Sichtweise auf die unmittelbare Vergangenheit brauchte er lange, um mit den Dreharbeiten beginnen zu können - zudem erst nach dem Erfolg mit der Komödie "Herzkönig" (1947), der ihm die notwendigen finanziellen Mittel einbrachte.

Für Brauner, einem der aktivsten und einflussreichsten Produzenten im deutschen Film nach dem Krieg bis in die Gegenwart, blieb die Mischung aus massenkompatiblen ("Die große Star-Parade" (1954)) und gesellschaftskritischen Themen ("Der 20.Juli" (1955)) stilprägend. Unabhängig davon bewies er immer auch ein Gefühl für angesagte, kassentaugliche Stoffe - nur sein Herzensprojekt "Morituri" (lateinisch „Die Todgeweihten“) erlitt völligen Schiffbruch und wurde nur in wenigen Kinos aufgeführt, die den Film nach der Premiere auf Grund heftiger Reaktionen des Publikums schnell wieder absetzten. Die reflektierte und ernsthafte Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Judenverfolgung kam für die Deutschen offensichtlich viel zu früh und erlitt das häufige Schicksal zeitnah erschienener gesellschaftskritischer Filme - erst wurde er abgelehnt, dann geriet er in Vergessenheit. Nur dem ersten Auftritt von Klaus Kinski verdankte der Film noch eine gelegentliche Erwähnung - bemerkenswert an dessen kleiner Rolle als KZ-Gefangener ist, wie sehr sie schon die psychopathischen Züge der Charaktere trägt, für die Kinski später berühmt werden sollte.

Dabei bemühte sich Brauner um das damalige Publikum und engagierte bekannte Filmschauspieler wie Winnie Markus („Sommerliebe“ 1942), Lotte Koch („Anschlag auf Baku“ 1942), Carl-Heinz Schroth („Krach im Vorderhaus“, 1941) und den Theater-Mimen Walter Richter für die Hauptrollen, die schon während der Zeit des Nationalsozialismus erfolgreich waren. Regisseur Eugen York drehte zwar seinen ersten Kinofilm, war aber viele Jahre bei der „Universum“ für Kulturfilme verantwortlich und an der Propaganda-Serie „Liese und Miese“ beteiligt, was im Widerspruch zu Brauners späterer Aussage stand, nicht mit Wolfgang Staudte und Hildegard Knef wegen ihrer Nazi-Vergangenheit zusammenarbeiten zu wollen. Insgesamt verharrte die Inszenierung noch in den damaligen Konventionen und erinnert, bedingt durch die schwierigen Produktionsbedingungen, die nur wenige Außenaufnahmen zuließen, mehr an ein Theaterstück.

Frühjahr 1945 im besetzten Polen - nachdem der polnische Arzt Dr.Leon Bronek (Walter Richter), ermüdet von dem Anblick ausgemergelter Körper, denen er Arbeitsfähigkeit bescheinigen sollte, einige Männer nahezu in Trance als „arbeitsuntauglich“ bezeichnete, warten diese in einem Trakt des KZ auf ihr Todesurteil – bis Dr.Bronek, der sich freier bewegen kann, ihnen zur Flucht verhilft. Angesichts der schwer bewachten Konzentrationslager, wirkt diese spontane Aktion etwas naiv, aber Brauner ging es nicht um einen Ausbruchfilm, sondern um die Zusammenkunft von Flüchtlingen unterschiedlicher Beweggründe und Nationen an einem Ort. Mitten im Wald treffen die wenigen Überlebenden der Flucht auf eine Not-Gemeinschaft, die versucht so lange durchzuhalten, bis die Front bis zu ihnen vorgerückt ist und sie befreit werden.

Der Verzicht auf bewusst zugespitzte Gefahrenmomente zugunsten einer ruhigen, sprachlastigen Auseinandersetzung unter den Flüchtlingen - erst in den letzten Minuten steigert „Morituri“ sein Spannungspotential – war dem Erfolg des Films sicherlich nicht dienlich, ist so kurz nach dem Krieg aber erstaunlich in dem Versuch einer ausgewogenen Betrachtung. Ein junger Wehrmachtssoldat gerät zufällig in das Versteck und wird gefangen genommen. Einige der psychisch und physisch misshandelten Opfer wollen sich zuerst an ihm rächen, aber in einer Art Gerichtsverhandlung, die an Fritz Langs „M“ (1931) erinnert, beschließen sie, sich nicht wie ihre Peiniger zu verhalten und Unrecht mit Unrecht zu vergelten. Indem Brauner die Menschen in ihrer jeweiligen Muttersprache reden ließ – konsequent ohne Untertitel, leider nicht immer überzeugend, da sich deutsche Darsteller polnisch, englisch und französisch ausdrücken mussten – betonte er noch den Zusammenhalt dieser zusammengewürfelten Gruppe, die die Utopie eines übergreifenden Friedens symbolisieren sollte.

Die klare Benennung der Nazi-Gräuel und das offensichtliche Leid der Opfer sind auch aus heutiger Sicht bemerkenswert, ebenso der Verzicht auf typische Nazi-Klischees oder Einzeltäter-Thesen, aber der verständliche Versuch Brauners, seinen engagierten Film dem damaligen Publikum schmackhaft zu machen, lässt diesen zu oft in Unterhaltungsfilm-Mechanismen verfallen mit einer netten Liebesgeschichte und komisch-herzig bis dramatisch angelegten Nebengeschichten. Geholfen hat es dem Film nicht – im Gegenteil. Die Mehrheit der westdeutschen Zuschauer lehnten „Morituri“ trotzdem als „deutschfeindlich“ ab, für einen kritischen Film blieb er dagegen zu oberflächlich und wirkte in seiner ideologiefreien Perspektive zu naiv. Erst mit dem zeitlichen Abstand wird die Leistung Brauners ersichtlich, der sich aus dem Blickwinkel eines unmittelbar Betroffenen ohne Ressentiments mit der nationalsozialistischen Vergangenheit als einer der Ersten im Rahmen eines Unterhaltungsfilms auseinandersetzte.

"Morituri" Deutschland 1948, Regie: Eugen York, Drehbuch: Arthur Brauner, Gustav Kampendonk, Darsteller : Walter Richter, Lotte Koch, Carl-Heinz Schroth, Winnie Markus, Hilde Körber, Klaus KinskiLaufzeit : 84 Minuten

Sonntag, 10. August 2014

Holiday in St.Tropez (1964) Ernst Hofbauer

Inhalt: Das Hotelier-Ehepaar Marisa (Elma Karlowa) und Carlos Fonti (Kurt Großkurth) schaut verdutzt, als die Handwerker sich aus dem Staub machen und sie mit einem unbewohnbaren Kasten am Mittelmeer zurücklassen, für den ihre Nichte Vivi (Vivi Bach) schon Kunden anwirbt. Ihr Freund Theo Reich (Gerd Vespermann) betreibt ein Reisebüro und bereitet sich schon darauf vor, mit einer großen Zahl Gäste demnächst ins Hotel zu ziehen, um dort die Sommerferien zu verbringen. Parallel haben zwei junge Frauen eigene Pläne. Die 18jährige Carola (Margitta Scherr) büxt aus, um ihren Eltern einen Schrecken einzujagen, weil sie nur an ihre Geschäfte denken, und Heidi Kirschmann (Ann Smyrner), eine einfache Angestellte ihres Vaters (Rudolf Prack), staffiert sich als reiche Frau auf der Suche nach einem ebenso vermögenden Herrn aus.

Sie alle begegnen sich am Mittelmeer wieder – teils per Schiff, teils auf vier Rädern angereist – und werden mit dem unfertigen Hotelbau konfrontiert. Doch kein Problem. Theo Reich kauft von seinem letzten Geld ein paar Zelte und die Sommerfrische kann bei Gesang, Spaß und Liebeleien beginnen…




Für Ernst Hofbauer stand "Holiday in St.Tropez" am Beginn seiner Karriere als Regisseur - sein erster Film "Tim Frazer jagt den geheimnisvollen Mister X" (1964) erschien erst kurz zuvor im Kino - das Metier des Schlagerfilms befand sich dagegen am Ende einer langen Erfolgsgeschichte. Im Gegensatz zum Heimatfilm, dessen Gesangsnummern mehr den folkloristisch-heimatlichen Charakter betonen sollten, und als kultureller Gegenentwurf zu den beliebten Operetten-Filmen kamen die Schlagerfilme dem Bedürfnis entgegen, aktuelle Stars mit ihren Hits nicht nur hören, sondern auch in Aktion sehen zu können. Schon einer der ersten dieser Hitparaden-Vorläufer mit dem bezeichnenden Titel "Schlagerparade" (1953) schuf die Grundstruktur, an der sich die Nachfolger orientierten. Eine belanglos-komödiantische Story gab den Hintergrund für die Integrierung einer möglichst großen Anzahl an Musiknummern, vorgetragen von verschiedenen beliebten Interpreten.

Im Gegensatz zum Heimatfilm bedienten die Schlagerfilme früh die Sehnsucht nach fernen Ländern. Stars wie Vico Torriani ("Straßenserenade" (1953)) oder Caterina Valente ("Große Star-Parade" (1954)) verbreiteten gemäßigtes internationales Flair und drehten Mitte der 50er Jahre eine Vielzahl ähnlich angelegter Filme. Auch deutsche Sänger wie Peter Alexander ("Liebe, Tanz und tausend Schlager" (1955)) oder Conny Froboess ("Der lachende Vagabund" (1958)) starteten auf diese Weise ihre Film- und späteren Fernseh-Karrieren, ebenso wie die Dänin Vivi Bach, die erst spät zum Musikfilm-Genre ("Gitarren klingen leise durch die Nacht" (1960)) stieß, als die Konkurrenz des Fernsehens zunahm, das schneller auf Hitparadenerfolge und aktuelle Musikrichtungen reagieren konnte. Trotzdem kam Bach, die in Deutschland den Ruf einer „dänischen Bardot“ genoss, in der ersten Hälfte der 60er Jahre noch zu einigen Auftritten und erfüllte auch in Ernst Hofbauers zwei Schlagerfilmen – im Jahr darauf folgte noch „Tausend Takte Übermut“ (1965), ebenfalls nach einem Drehbuch Hans Billians – die Erwartungshaltung der Zuschauer als blond strahlender Mittelpunkt.

An „Holiday in St.Tropez“ lassen sich zwei aktuelle Strömungen der frühen 60er Jahre ablesen, auf die Hofbauer in seinen späten Genre-Vertretern geschickt reagierte - der zunehmende anglo-amerikanische Einfluss auf die Musikbranche und die Reiselust der Deutschen, die in den Sommerferien in Scharen über die Alpen gen Mittelmeer fuhren. Denn Hofbauer war kein Anfänger, hatte als Regie-Assistent von Franz Marischka schon früh Erfahrung bei „Liebe, Sommer und Musik“ (1956) gesammelt und dessen „Schlagerparade 1961“ (1961) für eigene Kontakte genutzt. Mit Vivi Bach, Gus Backus, Billy Mo sowie Rex Gildo beim Nachfolgefilm „Tausend Takte Übermut“ verpflichtete er vier der Hauptakteure für seine eigenen Filme, gab dazu der 15jährigen US-Amerikanerin Peggy March, die nach einem Nummer 1 Hit in den USA („I will follow him“) in den deutschen Markt einsteigen wollte, eine Chance und reagierte auf die Erfolge des englischen Jazz-Klarinettisten Acker Bilk, der Anfang der 60er Jahre zwei veritable Instrumental-Hits („Le petite fleur“) verzeichnen konnte. Auch Manfred Schnelldorfer, erst im Winter zuvor Olympiasieger im Eiskunstlauf geworden, durfte erstmals unter Hofbauer seine Fähigkeiten als Schlagersänger beweisen – eine damals beliebte Form, sportliche Erfolge zu vermarkten.

Neben diesen Stars gehörten auch die obligatorischen „Hupfdohlen“ zum Ensemble, hier als züchtige Internatsschülerinnen unter einer gestrengen Gouvernante (Alice Treff) auftretend, die aber jede Gelegenheit zu leichter Bekleidung nutzten, um zu beat-ähnlichen Rhythmen das Tanzbein zu schwingen. Wie Hofbauer und Billian das unter einen Hut bringen wollten? – In dem sie es nicht so genau nahmen. So wurde die jugoslawische Adria-Küste, vor deren felsiger Kulisse die Handlung gedreht wurde, kurzerhand nach Italien versetzt, um das gewohnte Amore- und Cinzano-Feeling zu verbreiten, was aber auch einen französischen Polizisten nicht davon abhielt, an den jugoslawischen Gestaden Streife zu laufen. Von St.Tropez ist im Film absolut nichts zu sehen, aber im Titel machte sich der berühmte Badeort definitiv gut. Konkret findet Deutschland zwar nur zu Beginn und größtenteils in einem Reisebüro statt, dessen umtriebiger Chef Theo Reich (Gerd Vespermann) Reisen in ein mondänes (italienisches) Hotel vermittelt, das sich dann vor Ort als unbewohnbare Bruchbude erweist, aber deutsch ist im Film letztlich alles – die mit Akzent vorgetragenen Liedtexte, die Camper-Mentalität (sämtliche geprellten Urlauber geben sich mit der Unterbringung in Zelten zufrieden), die Witze und die Vorurteile.

Schon in der ersten Szene, wenn die italienischen Bauarbeiter die beiden Hotel-Besitzer im Stich lassen, um als Gastarbeiter in Deutschland „richtig Geld“ zu verdienen, bediente gängige Klischees, die vor allem in der Story um Heidi Kirschmann (Ann Smyrner) die schönsten Blüten trieben. Nicht nur das die attraktive Heidi plant, sich einen Millionär zu angeln, indem sie sich ein Mercedes-Cabriolet leiht und sich optisch entsprechend aufbretzelt, um ihr Verkäuferinnen-Image loszuwerden, auch der italienische Lover ist natürlich nicht weit, bei dem es sich folgerichtig nur um einen Hochstapler handeln kann. Bestraft wird die gute Heidi für ihr egoistisches Ansinnen nicht - zumindest nicht nach den Regeln zeitgenössischer Komödien. Sie landet im Ehehafen beim braven Reisebüro-Besitzer, womit alles seine schönste Ordnung hat. Aber was kann man von einem Filmstoff anderes erwarten, bei dem die 18jährige Tochter Carola (Margitta Scherr) aus reicher BRD-Wirtschaftswunder-Familie abhaut und auf „Gammler“ macht, um endlich einmal gemeinsam mit ihren vielbeschäftigten Business-Eltern (Mady Rahl und Rudolf Prack) Urlaub machen zu können?

Trotz dieser kleinbürgerlichen Avancen und dem konsequenten Ausspielen altbackener Witze, überrascht das muntere Treiben, dass Hofbauer jederzeit unterhaltsam und ohne allzu große Peinlichkeiten vor dem Zuschauer ausbreitete und das viel von den sozialen Veränderungen in dieser Zeit verriet. Besonders aus dem Kindermund der zwei frechen Gören, deren Jargon sich von heutigen Heranwachsenden nur rudimentär unterscheidet, lässt sich heraushören, dass die Zeiten nicht mehr zurückgedreht werden konnten, auch wenn das multiple Happy-End noch Ordnung vorgaukeln wollte. Wirklich ernst nahmen die Macher die Chose sowieso nicht und befriedigten die Erwartungshaltung mit Mittelmeer-Länder-Mix, Kleinkunst-Potpourri und einen Gag-Dichte, die Fehlschüsse verzieh.

"Holiday in St.Tropez" Deutschland 1964, Regie: Ernst Hofbauer, Drehbuch: Hans Billian, Max Rottmann, Darsteller : Vivi Bach, Gerd Vespermann, Ann Smyrner, Rudolf Prack, Mady Rahl, Gus Backus, Edith Hancke, Hannelore Auer, Margitta ScherrLaufzeit : 84 Minuten

Abendlicher Eröffnungsfilm beim 13. Hofbauer-Kongress zu Nürnberg vom 24. bis 28.07.2014

weitere im Blog besprochene Filme von Ernst Hofbauer:

"Tausend Takte Übermut" (1965)
"Schwarzer Markt der Liebe" (1966)
"Schulmädchen-Report - Was Eltern nicht für möglich halten" (1970)

Sonntag, 3. August 2014

Der Herr mit der schwarzen Melone (1960) Karl Suter

Inhalt: Vater Wiederkehr (Willy Fueter) reagiert überrascht, als plötzlich sein elegant gekleideter Sohn Hugo (Walter Roderer) in seine Zelle zu ihm gesperrt wird. Da er ihm jede Kompetenz abspricht, fehlt es ihm an Vorstellungskraft wie sein Sohn, dessen Anstellung als Reinigungskraft der Aschenbecher in einem Züricher Bankhaus nur seinen Beziehungen zu verdanken war, in einem Genfer Gefängnis landen konnte. Erst langsam ist er bereit, Hugo zuzuhören, dessen Geschichte an dem Tag begann, als sein Vater verhaftet wurde.

Weil ein Mitarbeiter ausfiel, durfte Hugo ausnahmsweise, begleitet von zwei Sicherheitsbeamten, den Geldsack zum Züricher Flughafen bringen, wo er wie jeden Tag nach Genf transportiert wurde. Kurz zuvor hatte er als Halter des Aschenbechers den deutschen Millionär Meißen (Gustav Knuth) und dessen Tochter (Sabine Sesselmann) kennengelernt, als diesen der Tresor der Bank stolz vorgeführt wurde, und hatte dabei erfahren, dass sie ebenfalls auf dem Weg nach Genf waren. Spontan kündigt er seine Stelle und baut als Hobby-Erfinder eine Holzkiste, in der er selbst Platz nimmt, und die er am nächsten Morgen als Luftfracht abholen lässt. So gelangt er in den Frachtraum des Flugzeugs, dass auch drei Millionen Franken an Bord hat...



Mit "Der Herr mit der schwarzen Melone" (1960) brachte die PIDAX am 22.07.2014 den ersten von zwei Filmen des Produzenten Erwin C.Dietrich heraus, die in Zusammenarbeit mit Regisseur Karl Suter und dem Schweizer Kabarettisten Walter Roderer entstanden. "So ein Mustergatte" (1959) folgt am 12.08.2014, entstand aber früher nach einer mehrfach verfilmten Vorlage, darunter mit Heinz Rühmann in der Titelrolle. Der nur für den Schweizer Markt produzierte Film erwies sich als so erfolgreich, dass Dietrich "Der Herr mit der schwarzen Melone" direkt auch für den deutschen Markt produzierte, weshalb er prominente deutsche Darsteller wie Gustav Knuth oder Hubert von Meyerinck engagierte. (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite).






Die Story vom ewigen Verlierer, der sich am Ende zum Sieger aufschwingt, gehört seit je her zum beliebtesten Komödienstoff, weil er noch Chancen in einer Situation vermittelt, die in der Realität nicht existieren. Auch Hugo Wiederkehr (Walter Roderer) gelingt der Absprung vom wenig geschätzten Aschenbecher-Reiniger einer Bank, dem sein im Gefängnis inhaftierter Vater (Willi Fueter) nichts zutraut und der von seiner Mutter (Walburga Gmür) noch wie ein kleiner Junge behandelt wird, zum angesehenen Geschäftsmann und zukünftigen Ehemann einer schönen Blondine (Sabine Sesselmann) - zudem Tochter eines Millionärs (Gustav Knuth) - nur dank eines Coups, der kaum Nachahmer finden wird. Um an die Geldsendung seiner Bank von Zürich nach Genf per Flieger zu gelangen, schließt der Hobby-Erfinder sich selbst in eine Holzkiste ein - innen bequem ausgestattet und mit ausreichend Werkzeug, Proviant und sonstigen Hilfsmitteln versehen - stiehlt während des Flugs den Inhalt des Sacks im Frachtraum und verlässt die Kiste als dreifacher Millionär.

"Der Herr mit der schwarzen Melone" versucht gar nicht erst, dem Raub einen realistischen Anstrich zu geben. Schon während des Flugs geht fast alles schief, was schief gehen könnte. Ein als Versuchstier transportierter Hund schlägt an und die Kiste fällt fast zusammen, nachdem Hugo sie von Innen geöffnet hatte. Notdürftig flickt er sie zusammen, muss aber die Bretter auch dann noch von Innen richten, als der Gabelstapler die Kiste schon aus dem Frachtraum abholt. Da der von ihm befreite Hund ständig bellend um den Stapler läuft, wird ein Zollpolizist aufmerksam, im richtigen Moment aber durch ein flüchtendes Fahrzeug abgelenkt. Wohin die Kiste geliefert werden sollte und wie Hugo ihr letztlich unentdeckt entkam, beließen die Macher um Regisseur und Drehbuchautor Karl Suter gleich für sich, denn für die Wirkung des Films spielte das ebenso wenig eine Rolle, wie das hochwahrscheinlich positive Ende vorauszusagen.

Entscheidender ist der Schweizer Charakter des Films, der als zweite Zusammenarbeit von Produzent Erwin C.Dietrich, Regisseur Suter und Kabarettist Walter Roderer nach "So ein Mustergatte" (1959) entstand und mit populären Darstellern wie Gustav Knuth, Charles Regnier, Hubert von Meyerinck und Sabine Sesselmann auch auf den deutschen Markt abzielte. In "So ein Mustergatte" hatte Roderer schon eine Heinz Rühmann-Rolle gespielt, der für die Darstellung des am Ende siegreichen kleinen Mannes berühmt wurde, aber der schlacksige, langhalsige Roderer ist ein gänzlich anderer Typus. Gemächlich agierend und ruhig formulierend, wird er leicht von seiner Umgebung übersehen und nicht ernst genommen. Diese Unsichtbarkeit ermöglicht es erst durch die Maschen Schweizer Gründlichkeit zu schlüpfen, deren behauptete Perfektion sich als Trugbild erweist.

Dieser selbstironische Gestus, gepaart mit einem amüsanten Seitenhieb auf europäische Befindlichkeiten der späten 50er Jahre - Hugo gerät an der Seite der hübschen Christine und ihres Vaters Generaldirektor Meißen (gewohnt sympathisch und locker von Gustav Knuth verkörpert) in eine europäische Wirtschaftskonferenz - unterscheidet "Der Herr mit der schwarzen Melone" wesentlich von den in der Regel aktionistischen, oft auch zu Albernheiten neigenden deutschen Komödien dieser Zeit. Selbst die abschließende Fluchtsequenz, in der Hugo ohne Führerschein mit überhöhter Geschwindigkeit durch die Stadt rast, gelang eher als Persiflage auf vergleichbare Komödiensequenzen - die Männer, die mit der Leiter eine Straße überqueren, kommen unbeschadet davon.

Von den Anspielungen auf hochnäsige Bankbeamte, bekanntlich besonders staatstragende Persönlichkeiten in der Schweiz, oder auf die Verhaltensmuster der High Society - sobald Hugo über Geld verfügt, benötigt er keines mehr - eine tiefergehende Gesellschaftskritik zu verlangen, wie es die zeitgenössische Presse bemängelte, wäre zu viel erwartet. "Der Herr mit der schwarzen Melone" versteht sich als unaufgeregte, sanft ironische Komödie in Schweizer Mundart (hochdeutsch untertitelt), die ganz auf den von Roderer gespielten Charaktertypus abgestimmt wurde und erstaunlich zeitlose Unterhaltung ohne peinliche Ausbrüche bietet, vorausgesetzt der Betrachter lässt sich auf das ruhige Tempo des Films ein.

"Der Herr mit der schwarzen Melone" Schweiz 1960, Regie: Karl Suter, Drehbuch: Karl Suter, Alfred Bruggmann, Hans Gmür, Darsteller : Walter Roderer, Sabine Sesselmann, Gustav Knuth, Charles Regnier, Hubert von Meyerinck, Willy Fueter, Bruno GanzLaufzeit : 88 Minuten


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