Sonntag, 23. Februar 2014

Kommissariat 9 (TV-Serie, 1975) Wolfgang Staudte

Inhalt: Kriminalrat Roth (Herbert Steinmetz), Hauptkommissar Dingelein (Edgar Ott) und Oberkommissar Tuncnik (Walter Riss) sind Spezialermittler im „Kommissariat 9“, dass zuständig ist für Wirtschaftskriminalität. Sie beobachten die Situation in der Bundesrepublik auf allen Gebieten, aber eingreifen können sie häufig erst, wenn eine Anzeige erstattet werden, wie von Walter Grimm (Peter Schiff), der den Kredit für eine Altbauwohnung angezahlt hatte, die nicht von dem Immobilienunternehmen saniert wurde. Nicht einmal die alten Mieter waren ausgezogen, aber der Kredit muss bei der Bank weiter bedient werden, ohne das Grimm sein Geld zurückbekommt, denn an die Hintermänner kommt die Polizei nicht so einfach heran.

Ähnliche Fälle, in denen Bürger arglos auf Versprechungen hereingefallen sind, häufen sich täglich auf dem Schreibtisch der Polizisten, aber die Täter sind nur schwer zu überführen. Der junge Arbeiter Wolfgang Wächter (Hans-Joachim Grubel) hat Ehrgeiz und möchte nicht sein Leben lang an Maschinen stehen, sondern in die Büroetage aufsteigen. Als er erfährt, dass sich ein Freund per Fernstudium zum Fotografen ausbilden lässt, beschließt er an einer Weiterbildung zum Computer-Fachmann teilzunehmen. Die Firma wirkt seriös und der Lehrer kompetent, weshalb er seinen VW verkauft, um die Ausbildung zu bezahlen…

Mit "Kommissariat 9" brachte PIDAX am 21.02.2014 die 1975 im ARD-Vorabendprogramm gezeigte Fernsehserie heraus, deren erste Staffel vollständig von Regisseur Wolfgang Staudte verantwortet wurde. Die dreizehn etwa 25minütigen Episoden (leider fehlt auf der DVD die Episode 6 "Die Pyramide") zeichnen sich durch ihre genaue Beobachtung, die Dokumentation des damaligen Zeitkolorits und ihre gesellschaftskritische Sichtweise aus. Erst 1979 entstanden weitere Folgen der TV-Serie unter anderer Federführung, die ebenfalls bei PIDAX erscheinen. (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite).



Die 25minütigen Folgen der Fernsehserie "Kommissariat 9" liefen 1975 13mal am frühen Mittwochabend im Regionalprogramm der ARD und hinterließen weder bei Krimi-Genre-Fans, noch bei Anhängern beliebter Darsteller dieser Zeit einen bleibenden Eindruck. Das erstaunt wenig, denn die Serie widmete sich dem trocken klingenden Thema "Wirtschaftskriminalität" und zu Beginn jeder Folge gab Prof. Dr. Klaus Tiedemann, Direktor des Instituts für Kriminologie der Universität Freiburg, eine Einführung in die kommenden ca. 20 Minuten, die sich unterschiedlichen Aspekten der Wirtschaft-skriminalität widmeten, wie Immobilienbetrug (Folge 1 "Tamaro Bau GmbH & Co.KG"), getürkte Weiterbildungsmaßnahmen (Folge 2 "Streben sie vorwärts") oder Aktienschwindel (Folge 3 "Spekulationen").  

Zwar gab es auch in "Kommissariat 9" mit Kriminalrat Roth (Herbert Steinmetz), Hauptkommissar Dingelein (Edgar Ott) und Oberkommissar Tuncnik (Walter Riss) drei hauptamtliche Ermittler, aber diese griffen nur selten direkt in die Handlung ein, etwa bei einem Verhör oder einem Gespräch mit den Opfern. In der Regel befanden sie sich in ihrem karg ausgestatteten Büro beim Aktenstudium oder bei der Diskussion zu einem neuen Fall. Entsprechend gilt die erste Einblendung jeder Folge ihrem Türschild "K 9" und der letzte Blick einem Aktenordner, vor dem die Credits ablaufen. Polizei-Action oder Verhaftungen blieben Fehlanzeige, stattdessen gelang es den Hintermännern häufig zu entkommen oder sie waren nur schwer mit juristischen Mitteln zu überführen - die Geschädigten blieben dagegen mit ihrem Verlust zurück.

Prototypisch lässt sich diese Inszenierungsform am Beispiel der fünften Folge "Herzlich eingeladen" nachweisen, die sich den damals beliebten Kaffeefahrten widmete. Nachdem Professor Tiedemann betont hatte, dass nicht alle Veranstalter unseriös sind, beginnt die Spielhandlung in einer typischen Einfamilienhaus-Vorortsiedlung, wo sich zwei jüngere Hausfrauen von einem Werbezettel animiert fühlen, der Kaffee und Kuchen an beschaulichem Ort für wenig Geld verspricht. Ihnen gefällt besonders die Beteiligung des Schlagerstars Pit Wehling (Jochen Schröder), den sie von früher her kennen, aber auch das ältere Ehepaar aus der Nachbarschaft beschließt, mitzufahren. Peter Thom ("Geheime Lüste blutjunger Mädchen", 1978) als jovialer Conferencier und Hans W. Hamacher als skrupelloser Geschäftsmann - in jeder Folge gehörten renommierte Darsteller zur Besetzung - sorgten für eine hohe Authentizität der als Ausflug getarnten Verkaufsveranstaltung, in der angebliche Sonderangebote zu viel zu hohen Preisen angeboten werden.

Die drei Wirtschaftspolizisten selbst tauchen nur kurz zwischendurch auf, als ihnen der Prospekt der Kaffeefahrt von einem Konkurrenten anonym zugespielt wird, was sie nur dazu veranlasst, den Zettel zu den Akten zu legen. Erst zum Schluss, als der Sänger Pit Wehling zu ihnen in die Behörde kommt, weil er nicht aus seinem Vertrag mit der unseriösen Veranstalterfirma herauskommt, tragen sie noch ein paar grundsätzliche Erkenntnisse zu der Problematik bei, während die geprellten Käufer auf ihren minderwertigen Waren sitzen bleiben und der Profiteur nicht behelligt wird. Die Intention dahinter, mit erhobenem Zeigefinger die Verbraucher zu warnen, scheint deutlich, aber Regisseur Wolfgang Staudte und sein Drehbuchautor Rolf Schulz gingen weit darüber hinaus und entwarfen das Bild einer wirtschaftlich prosperierenden Gesellschaft, die vor allem vom Streben nach persönlichem Erfolg bestimmt wird.

Auffällig ist die Seriosität, mit der die beiden Macher an jeden der sehr unterschiedlichen Fälle herangingen, sowohl in der Charakterisierung der Protagonisten und ihrer Art zu kommunizieren, als auch hinsichtlich der Ausstattung und der teilweise internationalen Schauplätze. Zudem wird kein Fall übertrieben dramatisiert und auch die Schäden (Verlust von Ersparnissen oder ein Krankenhausaufenthalt nach dem Verzehr verdorbenen Fleisches) der Opfer halten sich im Rahmen, ganz abgesehen davon, dass die Reihe die Ebene der Privatverbraucher mehrfach verlässt. Fälle von gefälschten Gütestempeln für Nahrungsmittel (Folge 4 "Guten Appetit") oder Subventionsbetrug (Folge 12 "Ich bin ein Europäer") lassen einen generellen gesellschaftskritschen Aspekt erkennen, der trotz der 70er Jahre Optik und einiger altmodisch wirkender Begleiterscheinungen nichts an Aktualität verloren hat.

Wenn Professor Tiedemann zu Beginn der 8.Episode "Import aus Fernost" über Steuerbetrug die Schizophrenie der Behörden beklagt, dass Steuersünder durch Selbstanzeige der Strafverfolgung entkommen können, dann befindet er sich damit unmittelbar in der heutigen Gegenwart, die sich inhaltlich kaum von der Bundesrepublik der 70er Jahre unterscheidet. Es sind die Details, mit denen Staudte seine Haltung deutlich werden lässt, die Wohnungseinrichtungen einer zu bescheidenem Wohlstand gelangten Bürgerschicht oder der Luxus reicher Geschäftsmänner. Häufig sind es nur Kleinigkeiten wie der Glaube an ein Schnäppchen, eine hohe Rendite oder einen Geschäftsgewinn, das Hoffen auf einen Karriereschritt oder bessere Bedingungen für die eigenen Kinder, die dazu verleiten, sich auf unseriöse Deals einzulassen, während die Hintermänner ihre Energie darauf verwenden, diesen Eindruck zu verwischen.

Obwohl "Kommissariat 9" keine horizontale Entwicklung verfolgte, wie sie in modernen Fernsehserien inzwischen üblich geworden ist, entsteht erst durch die Ansicht mehrerer Folgen ein schlüssiges Gesamtbild. Eine einzelne Episode hinterlässt in ihrem semi-dokumentarischen, von bürokratischer Langsamkeit bestimmten Charakter einen im Vergleich zur heute üblichen Bild- und Schnitttechnik gewöhnungsbedürftigen Eindruck, der mit jeder weiteren Folge nachlässt. Erst durch die Vielfältigkeit der Einblicke in Privathaushalte und Arbeitsleben entsteht das komplexe Bild einer Gesellschaft, dessen Kritik nicht dem einzelnen Opfer oder Täter gilt, sondern einer Gesamtdynamik, die den Erfolg über die Moral stellt (siehe auch Folge 9 „Kavaliersdelikt“ über steuerliche Abschreibungen). Wie gut diese Sichtweise 1975 ankam bleibt Spekulation. Fakt ist, dass die Serie nach den 13 von Wolfgang Staudte und Autor Wolfgang Schulz verantworteten Episoden eingestellt wurde und erst vier Jahre später unter anderer Federführung fortgesetzt wurde. Dieser Text bezieht sich allein auf die erste Staffel, die sowohl als stimmiges Zeitbild der aufstrebenden Bundesrepublik in den 70er Jahren, als auch wegen ihrer inhaltlichen kritischen Relevanz sehr zu empfehlen ist.

"Kommissariat 9" TV - Serie 1. Staffel, Deutschland 1975, Regie: Wolfgang Staudte, Drehbuch: Rolf Schulz, Darsteller : Herbert Steinmetz, Edgar Ott, Walter Riss, Peter Schiff, Peter Thom, Laufzeit : 13 x 25 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Wolfgang Staudte:

Dienstag, 18. Februar 2014

José Bénazéraf (1922 - 2012) Das Frühwerk des Erotik-Pioniers 1963 bis 1974

José Bénazéraf in "Le concerto de la peur"
Der 1922 in Marokko geborene französische Regisseur José Bénazéraf wurde ab Mitte der 70er Jahre zu einem der bekanntesten Vertreter pornographischer Langfilme, mit denen nach der Legalisierung der Pornographie versucht wurde explizit dargestellte Sexualität in eine schlüssige Handlung zu integrieren. Mit "Le bordel, 1ère époque; 1900" schuf er 1974 einen der ersten europäischen Genre-Vertreter, aber Neuland betrat er damit nicht. In seinem 1975 in Frankreich veröffentlichten Dokumentarfilm "Anthologie des scènes interdites érotiques et pornographiques de José Bénazéraf“ versammelte er Szenen, die er aus seinen in den 60er Jahren gedrehten Erotik-Film hatte herausschneiden müssen, mit denen er schon früh die Grenzbereiche in der Darstellung von Sexualität auslotete und die ihn zum stilprägenden Künstler des Erotik-Genres werden ließen.

Sein Einfluss auf das europäische Kino - speziell auf die deutschen Filmschaffenden – lässt sich früh feststellen. Bevor er seine erste Regiearbeit mit „L’éternité pour nous“ (Heißer Strand, 1963) vollendete, produzierte er „La fille de Hambourg“ (Das Mädchen aus Hamburg, 1959) mit Hildegard Knef und "La fête espagnole" (Bevor der Mensch zum Teufel geht, 1961) mit Peter van Eyck in der Hauptrolle, zu denen er auch das Drehbuch schrieb. Bénazéraf trat in der Regel in Personalunion als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent auf, manchmal übernahm er auch kleinere Rollen wie in seinem zweiten Film „Le concerto de la peur“ (1963). Dieser und sein Erstling „L’éternité pour nous“ beinhalteten schon alle wesentlichen Merkmale seines Stils. Männer und Frauen werden in ihren Geschlechterrollen zu coolen Gangster-Typen und verführerischen Vamps hochstilisiert, daraufhin wieder demontiert und einsam oder tot zurückzulassen.

„…die Ziele und Reaktionen dieser Helden kommen nie über das Kindheits-Stadium hinaus. Ihre brutalen Auseinandersetzungen verbleiben in einem kindischen Charakter und die Absurdität ihrer Spiele kann nur zum Tod führen.“

"Joe Caligula"
Mit diesem persönlichen Statement begann José Bénazéraf seinen zweiten Film „Le concerto de la peur“ – eine Aussage, die als grundsätzlich für den Charakter seiner Filme gelten kann, die er in kühlen Schwarz-Weiß-Bildern umsetzte, die mit wenigen Dialogen und einer gezielt eingesetzten, nie einfach nur untermalenden Musik auskamen. Dass er für „Le concerto de la peur“ die Musik des Jazz-Trompeters Chet Baker auswählte, der sich Anfang der 60er Jahre in Paris aufhielt, unterstrich Bénazérafs Hang zu Melancholie und Selbstzerstörung. Das Leben des drogensüchtigen Musikers war ein ständiger Drahtseilakt zwischen Exzess und Tod, ähnlich wie das der Protagonisten in seinen Filmen. Die Erotik und damit auch deren optische Umsetzung entstanden innerhalb dieses Spannungsfelds und waren nie reiner Selbstzweck, sondern unterstrichen die aufgeheizte, Testosteron geschwängerte Situation. Geradezu prototypisch für Bénazéraf sind tanzende Frauen oder Striptease-Nummern, die parallel zur Handlung stattfinden, in diesem Moment aber zur eigentlichen Hauptattraktion werden.

"L'enfer dans la peau"
Sein fünfter Film „L’enfer dans la peau“ (Sexus, 1965) erscheint als ein auf das Wesentliche reduziertes Remake von „Le concerto de la peur“, auch im Rückgriff auf die Musik Chet Bakers, die hier sparsamer eingesetzt wurde. Doch zwischen diesen beiden Filmen entstanden noch zwei atypische Werke, die Bénazérafs entstehenden internationalen Einfluss widerspiegeln. Gemeinsam mit dem einschlägigen us-amerikanischen Produzenten Dick Randall („Il mondo di notte numero 3“ (Mondo di notte – Welt ohne Scham, 1963)) brachte er „Paris erotika“ (Sex mal Sex, 1963) heraus, in dem dieser einen Amerikaner mimt, der durch das nächtliche Paris irrt. Im Vergleich zu diesem dokumentarisch angehauchten Farbfilm, verbreitete die italienisch-französische Co-Produktion „Cover Girls“ (Cover Girls – die ganz teuren Mädchen, 1964), an der Stars wie Giorgia Moll und Claudio Gora beteiligt waren und junge, schöne Models wie Heidi Balzer an Schauplätzen in mehreren Ländern auftraten, internationales Flair. Nur konkrete Nacktaufnahmen existierten in diesem für ein breiteres Publikum gedachten Film nicht, an dem Bénazéraf erstmals nicht als Produzent beteiligt war.

"Cover Girls"
Doch Anpassung war nicht die Sache des eigenwilligen Regisseurs, der auch den „Cover Girls“ mit seinem Drehbuch einen unverwechselbaren Charakter verlieh, bevor er wieder zu seinen Ursprüngen zurückkehrte und nach „L’enfer dans la peau“ (auch bekannt unter dem Titel „La nuit la plus longue“ (Die sehr lange Nacht)) mit dem Agenten-Thriller „L’enfer sur la plage“ (1966) und der Gangster-Ballade „Joe Caligula – Du suif chez la dabes“ (1966) seinem Oevre zwei weitere ureigene Werke hinzufügte. Die zunehmende Professionalisierung seines Stils hinsichtlich Ausstattung, Bildsprache und Locations führte zu seinem von Erwin C.Dietrich produzierten deutsch-französischen Film „St.Pauli zwischen Nacht und Morgen“ (1967), der trotz des von Wolfgang Steinhardt verfassten Drehbuchs als eine Zusammenfassung der typischen Stilelemente Bénazérafs gelten kann.

"Frustration"
Damit steht der Film am Ende einer Epoche, nicht nur weil es sich um seinen letzten Schwarz-Weiß-Film handelte, sondern weil sich der Erotik-Film generell international durchzusetzen begann. Parallel entstanden immer mehr Kinofilme, die vordergründiger auf nackte Tatsachen setzten, weshalb mit "Un épais manteau de sang" (Heisse Haut, 1967) eine längere, auch von den gesellschaftlichen Veränderungen der späten 60er Jahre beeinflusste Phase begann, in der Bénazéraf Erotik mit politischen und philosophischen Betrachtungen verknüpfte. Nicht zufällig förderte er in dieser Zeit den jungen französischen Regisseur Jacques Scandelari, dessen zweiter Film „Le philosophie de la boudoire“ (Das Paradies, 1971) in der Verbindung erotischer Darstellungen und gesellschaftspolitischer Aspekte Parallelen zu Bénazérafs Werk aufweist. Als signifikant für die Übergangszeit zum Pornofilm kann sein 1971 entstandener Film „Frustration“ gelten, der seine erotischen Bilder mit der Kritik an bürgerlichen Moralvorstellungen verband.

Mit dem Grenzgänger zwischen Sex- und Pornofilm „Adolescence pervertie“ endete 1974 Bènazérafs Softcore-Phase. Die italienisch-französische Co-Produktion erinnert an „Cover Girls“, als ob der Regisseur nachholen wollte, was er dort an Nacktdarstellungen nicht umsetzen konnte. Die Einstellung von der Halle des Bahnhofgebäudes zu Beginn zitiert „Cover Girls“ direkt und schließt damit den Kreis einer Entwicklungsphase im erotischen Film, die maßgeblich von José Bénazéraf beeinflusst wurde.

I. Frühe Filme:

 1963 "L'éternité pour nous" (Heisser Strand)                     
 1963 "Un concerto de la peur"                                           
 1963 "Paris erotika" (Sex mal Sex)                                       (gemeinsam mit Dick Randall)
 1964 "Cover Girls" (Cover Girls - die ganz teuren Mädchen)     (italienisch-französische Co-Produktion)
 1965 "L'enfer dans la peau" (Sexus)                                   
 1966 "L'enfer sur la plage"                                                 
 1966 "Joe Caligula - Du suif chez la dabes"                     
 1967 "St. Pauli zwischen Nacht und Morgen"                     (deutsch-französische Co-Produktion)

"Le concerto de la peur"

















II. Übergangsphase:

1967 "Un épais manteau de sang" (Heisse Haut)                  (us-französische Co-Produktion)  
1970 "Le désirable et le sublime"                                        
1971 "Frustration"                                                                
1972 "The french love" 
1972 "Racism"                                                                       (us-Produktion)
1973 "Le sex nu" (Naked Sex)
1974 "Adolescence pervertie"                                              (italienisch-französische Co-Produktion)       

III. Hardcore - Filme:                                

1974 "L'homme qui voulait violer le monde"
1974 "Le bordel, 1èré époque; 1900"
1975 "Anthologie des scènes interdites érotiques et pornographiques de José Bénazéraf"

Montag, 10. Februar 2014

Ein Mädchen aus Flandern (1956) Helmut Käutner

In Erinnerung an Maximilian Schell (83), gestorben am 31.01.2014

Inhalt: Belgien, Oktober 1914 - Der junge Offizier Alexander Haller (Maximilian Schell) befindet sich mit seiner Einheit unweit der Front. Einerseits befürchten die jungen, im Kampf unerfahrenen Männer ihren Einsatz, andererseits suchen sie Ablenkung in der nahen Gaststätte, die für ihre hübschen Frauen bekannt ist. Doch die Einheimischen lehnen die ungebetenen Besatzungssoldaten ab und wollen ihnen nicht einmal etwas zu Trinken geben. Als es ihnen mit Nachdruck gelingt, die junge Angeline (Nicole Berger), die sie spontan „Engel“ nennen, dazu zu bringen, ihnen Wasser zu reichen, trinken sie es nicht, weil sie fürchten, es könnte vergiftet sein. Nur Alexander leert das Glas in einem Zug, dass ihm Angeline heimlich hinstellt, bevor er mit seinem Zug zur Front aufbricht – ein Moment, den er nicht mehr vergessen wird.

Drei Jahre vergehen, bis Alexander, der bei der ersten „Flandern-Schlacht“ zwar schwer verletzt wurde, aber im Gegensatz zu den meisten seiner Kameraden überlebte, wieder in die damalige Region zurückkommt, in deren Nähe sich die unbewegliche Frontlinie befindet. Er erkennt das Gasthaus trotz seines inzwischen deutschen Namens sofort wieder, und beschließt spontan, ein paar Tage dort seinen Urlaub zu verbringen, anstatt in die deutsche Heimat zu fahren. Er hofft, Angeline wieder zu sehen…


Mitte der 50er Jahre drehte Helmut Käutner vier Filme nach literarischen Vorlagen Carl Zuckmayers, unter denen "Ein Mädchen aus Flandern" (1956), das zwischen "Des Teufels General" (1955), "Der Hauptmann von Köpenick" (1956) und "Schinderhannes" (1958) in die Kinos kam, einen Sonderstatus einnimmt. Während die drei anderen Zuckmayer-Verfilmungen auf populären Bühnenstücken basierten, von denen "Der Hauptmann von Köpenick" und "Schinderhannes" während der  Weimarer Republik und "Des Teufels General" direkt nach dem Krieg 1946 uraufgeführt wurden, entstand "Ein Mädchen aus Flandern" nach Zuckmayers aktuellem Roman "Engele von Loewen. Erzählungen", den der Autor im Jahr zuvor veröffentlicht hatte.

Folgerichtig unterschied sich dessen erzählerische Anlage erheblich von den Dialog lastigen Theaterstücken, die ihre Intention auf engstem Raum komprimierten, während die Liebesgeschichte zwischen einem deutschen Offizier und einem belgischen Mädchen einen Bogen über die Jahre des 1.Weltkriegs spannt, in dessen Verlauf es zu mehreren, teils zufälligen Begegnungen zwischen Angeline, genannt "Engele" (Nicole Berger), und Leutnant Alexander Haller (Maximilian Schell) kommt. Thematisch ähnelt „Ein Mädchen aus Flandern“ mehr Käutners Vorgängerfilm „Himmel ohne Sterne“ (1955), der ebenfalls von einer an den äußeren Umständen zu scheitern drohenden Liebe erzählte. Handelte dieser ganz aktuell von der Teilung Deutschlands nach dem Krieg, wirkte der Rückblick auf den ersten Weltkrieg - zumal unter dem noch unmittelbar vorherrschenden Eindruck der nationalsozialistischen Diktatur – vordergründig harmlos.

Trotz der sich am Ende zuspitzenden Dramatik, als sich Haller vor Gericht gegen den Vorwurf der Wehrkraftzersetzung wehren muss – er hatte als angehender Arzt einem feindlichen Soldaten geholfen – blieben die Anspielungen auf Hurra-Patriotismus, arrogante Offiziere und verlogene Helden-Verklärungen dezent. Die politischen Hintergründe oder despotische Militärführer wurden ausgeblendet und die Gräuel des Stellungskrieges nahmen nur wenige Minuten des Films in Anspruch. Stattdessen ging es im Hinterland der Frontlinie eher gemütlich zu, weshalb sich Leutnant Haller entscheidet, seinen Urlaub im besetzten Belgien zu verbringen, anstatt zu seinem Vater (Friedrich Domin), einem einflussreichen General, und seiner Schwester (Erica Balqué) nach Deutschland zu fahren. Der tatsächliche Grund ist Angeline, der er nur einmal am Anfang des Krieges begegnet war, die er aber nicht mehr vergessen konnte, nachdem sie ihm gegen die allgemeine Haltung der Einheimischen etwas zu Trinken gegeben hatte.

Käutner hielt sich an den Roman, blieb aber seinem eigenen Stil treu, der besonders in der emotional schlüssigen, ohne Klischees auskommenden Entwicklung der Beziehung von Engele und Alexander sichtbar wird. Gemeinsam mit der früh verstorbenen französischen Darstellerin Nicole Berger – Käutner legte viel Wert auf die Authentizität der unterschiedlichen Sprachen – verkörperte Maximilian Schell in seiner zweiten Hauptrolle ein überzeugendes Paar, dessen Liebe angesichts der Kriegswirren und des sonstigen Trubels um sie herum beinahe zurückhaltend wirkt. Zudem integrierte der Regisseur, der gemeinsam mit Heinz Pauck Zuckmayers Vorlage adaptierte, einige kritische Anspielungen, die ihre vollständige Wirkung nur mit dem entsprechenden Hintergrundwissen entfalten, das Mitte der 50er Jahre noch gegenwärtiger war. Alexander Haller widersprach mit seiner Schilderung vom qualvollen Tod eines bei der ersten Flandernschlacht 1914 gefallenen Kameraden dem „Mythos von Langemarck“, mit dem die Heerführung den Tod vieler junger Rekruten in einen heroischen Sieg wandelte – ein frühes Beispiel propagandistischer Verfälschung. Käutner setzte die Behauptung, die Soldaten wären mit dem Deutschland-Lied auf den Lippen begeistert für ihr Vaterland in den Tod gegangen, in einer irreal wirkenden Sequenz um, die in Bilder auf dem Schlachtfeld liegender Leichen mündet.

Entscheidender für die Wirkung des Films ist Käutners kompromissloser Umgang mit der Sexualität, deren Gegenwärtigkeit nicht nur überraschte, sondern das moralische Selbstbild von dem sich fürs Vaterland aufopfernden Soldaten aushöhlte. Von Taktik oder Kriegszielen ist wenig zu hören, umso mehr von geplanten nächtlichen Abenteuern. Die Handlung findet größtenteils in einschlägigen Etablissements statt, auch das Gasthaus, in dem Alexander Angeline kennenlernt, ist für die entgegenkommende Haltung der Töchter des Hauses bekannt. Zwischen den deutschen Offizieren, die ihre Machtposition bei ihren amourösen Bemühungen im besetzten Belgien ausnutzen – gekonnt schmierig Gerd Fröbe in einer kleinen Rolle als Rittmeister – und den Frauen, die sich Vorteile davon versprechen, wirkt die Beziehung von Engele und Alexander wie ein Hort an Tugend, aber auch sie schlafen unverheiratet miteinander, was dem jungen Offizier mehr Anerkennung vom Ortskommandanten einbringt, als dessen militärische Leistungen.

Schon im zweiten Teil der „08/15“-Trilogie (1955) ließ Autor Hellmut Kirst keinen Zweifel an den promiskuitiven Interessen der Soldaten an der Front, aber der Film schilderte dieses Verhalten mit einem satirischen Gestus und ruderte die anrüchige Charakterisierung im dritten Teil („08/15 In der Heimat“ (1955)) wieder zurück. „Ein Mädchen aus Flandern“ integrierte seine Liebesgeschichte dagegen in die Normalität des menschlichen Bedürfnisses nach Sex, Essen und Feiern, an dessen Wahrheitsgehalt Niemand zweifeln wird, dessen Realität aber besonders in Filmen mit patriotischen Absichten bis heute geleugnet wird. Sowohl Zuckmayers Roman, als auch Käutners Verfilmung brachen Mitte der 50er Jahre damit ein Tabu, ohne diese Intention besonders zu betonen oder an einem Einzelschicksal zu dramatisieren. Im Gegenteil liegt die Qualität des Films in der Beiläufigkeit, mit der er vom Krieg und den Menschen erzählt, vom Tod und der Liebe oder einfach dem Versuch zu überleben.

"Ein Mädchen aus Flandern" Deutschland 1956, Regie: Helmut Käutner, Drehbuch: Helmut Käutner, Heinz Pauck, Carl Zuckmayer (Roman), Darsteller : Maximilian Schell, Nicole Berger, Victor De Kowa, Friedrich Domin, Gerd Fröbe, Laufzeit : 97 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Helmut Käutner: