Montag, 25. November 2013

Die Frühreifen (1957) Josef von Báky

Inhalt: Wolfgang (Christian Doermer) arbeitet unter Tage in einer Essener Zeche. Obwohl er fleißig und sparsam ist, redet der ältere Kollege Messmann (Paul Esser) nicht mit ihm, da er mit dessen Tochter Inge (Heidi Brühl) befreundet ist. Wolfgang beabsichtigt sie zu heiraten, sobald er seine Weiterbildung beendet hat und es sich leisten kann, aber Inge, die ihre Ausbildung zu einer Verkäuferin in einem Essener Mode-Geschäft macht, ist er zu vernünftig und abwartend. Sie möchte etwas erleben und will ihn dazu überreden, sich ein Motorrad zu kaufen, damit sie gemeinsam Ausflüge machen können. Lange widersetzt er sich ihrem Wunsch, aber dann greift er seine Ersparnisse an, um sie nach einer Modenschau, wo seine hübsche Freundin als Mannequin auftritt, mit dem neu erworbenen Motorrad abzuholen.

Doch sein Plan misslingt, denn unter den Gästen befanden sich Günther (Peter Kraus) und seine Freunde, die die Mädchen nach der erfolgreichen Modenschau zu einer Party in die mondäne Villa von Günthers reichen Eltern einladen – anstatt zu Wolfgang steigt sie zu Freddy (Christian Wolff) in dessen Mercedes. Die jungen Männer um Günther verfolgen klare Absichten, aber Freddy gelingt es nicht, Inge herumzukriegen, die anstatt mit zu ihm zu kommen, am frühen Morgen allein nach Hause geht. Dort erwartet sie schon ihr Vater, um ihr die Leviten zu lesen, weshalb sie spontan ihren Koffer packt und auszieht. Als sie nach ihrem Arbeitstag keine Unterkunft findet und Wolfgang nur Unverständnis für ihre Reaktion zeigt, steht sie abends vor Freddys Tür und bittet ihn um Hilfe…


Der Filmtitel "Die Frühreifen" klingt nicht nur ähnlich altmodisch wie "Die Halbstarken", der 1956 mit Horst Buchholz in der Hauptrolle erfolgreich in den Kinos lief, sondern machte auch kein Geheimnis daraus, auf die selbe Thematik zu setzen: eine deutsche Jugend, die Gefahr lief, Anstand und Moral zu verlieren, verführt von den Errungenschaften eines Wirtschaftswunders, für das ihre Eltern hart arbeiten mussten. Auch Veit Harlans kurz zuvor gedrehter Film "Anders als du und ich (§175)" (1957) warnte unter dem Deckmantel der homosexuellen Thematik vor den Versuchungen der bis in bürgerliche Schichten vordringenden Moderne, die in allen drei Filmen nur zu abschreckenden Konsequenzen führen konnte: sexueller Missbrauch, Gefängnis oder Tod.

Wenig überraschend wurden mit Christian Wolff ("Anders als du und ich (§175)") und Christian Doermer ("Die Halbstarken") zwei wichtige Protagonisten der Vorgängerfilme auch in "Die Frühreifen" in tragenden Rollen besetzt, ergänzt von der damals erst 15jährigen Heidi Brühl, die dank der "Immenhof"-Filme schon ein großer Star in Deutschland war, erstmals Sabine Sinjen und nicht zuletzt Peter Kraus in einer scheinbaren Nebenrolle. Der 18jährige Kraus, der drei Jahre zuvor in "Das fliegende Klassenzimmer" (1954) seinen ersten Auftritt hatte, begann 1957 auch seine Gesangs-Karriere, besaß aber noch nicht die Reputation seiner Mitspieler Wolff, Doermer und Brühl. Regisseur Josef von Báky, der mit "Münchhausen" (1943) einen großen Erfolg während der NS-Zeit feierte, ohne sich vor den Propaganda-Karren spannen zu lassen, galt zudem als Spezialist für dramatische und gesellschaftskritische Filme – einen Ruf, den er schon kurz nach dem Krieg mit sogenannten „Trümmerfilmen“ ("...und über uns der Himmel" (1947)) gefestigt hatte.

Er ließ das Drehbuch nach dem Roman "Wer glaubt schon an den Weihnachtsmann" der Autoren Klaus Bloehmer und Peter Heim anfertigen, aber wie nah sich der Film an die literarische Vorlage hielt, lässt sich nicht mehr nachvollziehen, da diese - wie der Autor Bloehmer – heute unbekannt ist. Einzig Peter Heim verfügt noch über einen gewissen Bekanntheitsgrad, den er seinem Erfolg "Die Schwarzwaldklinik" verdankt, nach dem die gleichnamige Fernsehserie entstand. Letztlich spielt dieser Aspekt nur eine untergeordnete Rolle für die Bewertung des Films, da der dramatische Aufbau der in Essen, mitten im Ruhrgebiet, spielenden Handlung vorhersehbar blieb und die gängigen Klischees über die deutsche Jugend bedient wurden. Entsprechend nah liegt es, "Die Frühreifen" als veraltetes Abbild der konservativen deutschen Nachkriegsgesellschaft abzutun, aber ähnlich wie in "Die Halbstarken" gelang es auch hier, dank überzeugender Darsteller und eines im Detail mutigen Drehbuchs, die ursprüngliche Absicht des Films zu relativieren.

Christian Doermer wiederholte seine Rolle als solider junger Mann aus "Die Halbstarken", aber wie dort blieb er der unspektakulärste Charakter, weshalb seine Vorbildwirkung schwach geblieben sein dürfte. Zwar sollte der Sprung vom 10m -Turm zu Beginn auch eine verwegene Seite des jungen Arbeiters betonen, der täglich unter Tage fährt, sich weiter bildet und einen Teil seines Gehalts spart, aber Wolfgang (Christian Doermer) agiert gegenüber seiner Freundin Inge (Heidi Brühl) zu unbeweglich und altväterlich, um auf das Publikum attraktiv zu wirken. In der Realität hätte sein Typus sicherlich gute Chancen gehabt, aber im Film bedarf es anderer erzählerischer Mittel, wie der im Jahr darauf entstandene, thematisch verwandte Film "Der Pauker" (1958) bewies, der seine rückständige Botschaft konsequenter ausarbeitete. Dort spielte der inzwischen populär gewordene Peter Kraus zuerst die faszinierende Rolle, um - nachdem er aus den drohenden Konsequenzen die richtigen Lehren gezogen hatte - zu seinem anständigen jungen Mann zu reifen.

In "Die Frühreifen" wurde Peter Kraus dagegen noch als übler Charakter besetzt. Erst stiehlt er zum Spaß ein Auto, um es nach einer verwegenen Verfolgungsjagd mit der Polizei irgendwo abzustellen - er selbst besitzt als Sohn reicher Eltern ein eigenes Cabriolet - dann füllt er junge Mädchen mit Alkohol ab und filmt sie nackt, ohne auf irgendwelche Gefühle Rücksicht zu nehmen. Sein Spiel orientierte sich an James Dean, was besonders in der Schlussszene deutlich wird, in der er weinend zusammenbricht. Sollte der Film beabsichtigt haben, ihn als warnendes Beispiel einer dekadenten, egoistischen Jugend zu brandmarken, kann dieser Versuch nur als misslungen betrachtet werden. In seinem coolen Auftreten wurde Peter Kraus zum heimlichen Star des Films - schade, dass seine steigende Popularität ähnlich zwiespältige Rollen später nicht mehr ermöglichte.

Noch bemerkenswerter, wenn auch weniger plakativ und im Zeitkontext feststellbar, ist die von Heidi Brühl gespielte Rolle der jungen Verkäuferin Inge, deren strenger Vater (Paul Esser) ihr jeden Umgang mit jungen Männern verbietet und sie zu Hause tyrannisiert. Vordergründig spielt sie die Rolle der geläuterten Jugendlichen, die zuerst den Versuchungen erliegt, um nach schrecklichen Erfahrungen wieder auf den Weg der Tugend zurückzukehren, aber - selbst im Vergleich zum aktuellen Hollywood-Film - fiel ihr Buß-Gang sehr schwach aus, der sündig gewordenen Frauen normalerweise abverlangt wurde. Heidi Brühl agierte zudem erstaunlich selbstbewusst – erst zieht sie aus dem Elternhaus aus, beendet die Beziehung zum braven Wolfgang, nachdem dieser ihre Konsequenz kritisiert hatte, um wenig später mit dem attraktiven, aber psychisch gestörten Freddy (Christian Wolff) zusammen zu ziehen, den sie gemeinsam mit seinen reichen Freunden auf einer Party nach einer Modenschau kennengelernt hatte. Nachdem sie erwartungsgemäß mit den Abgründen hinter der glitzernden Fassade konfrontiert wurde, kehrt sie wieder zurück in ihre einfachen, aber anständigen Verhältnisse, ohne sich unterwerfen zu müssen – bis zum Ende verzichtete Josef von Báky auf die üblichen plakativen Korrekturen eines vorherigen Fehlverhaltens. Selbst die Rolle des evangelischen Vikars (Horst Brockmann), der sich als Tugendwächter in alle Angelegenheiten einmischt, wurde für die Entstehungszeit des Films modern angelegt.

Trotzdem lässt sich der Staub der 50er Jahre nicht vollends von „Die Frühreifen“ abschütteln. Die damaligen Aufreger erzeugen heute nur noch ein müdes Lächeln und Bakys Film ist anzumerken, wie sehr er sich um provozierende Details herum winden musste. Obwohl Inge und Freddy in einer Wohnung zusammenleben, sind sie nur einmal bei einem Kuss zu sehen – ihre wahrscheinliche Sexualität wird nicht thematisiert. Zwar lässt Günther (Peter Kraus) an Hand des gefilmten nackten Rückens der jungen und naiven Hannelore (Sabine Sinjen) keinen Zweifel daran, dass sie sich vor ihm auszog, gleichzeitig betont er aber, dass er darüber hinaus kein Interesse an dem Mädchen gehabt hätte. Ähnlich unrealistisch ist die Szene im Leichenschauhaus, denn die Polizei hätte die Jugendlichen auf diese Weise nicht konfrontieren dürfen – hier war der mahnende, moralische Zeigefinger wichtiger als die sonst schlüssige Milieuschilderung, die die eigentliche Qualität des Films ausmacht.

Die hier mit kontrastierenden Bildern von Fördertürmen und modernen Villen gezeigte materielle Diskrepanz war für die entstehenden Konflikte ausschlaggebend, und erinnert daran, dass die Phase eines großen sozialen Gefälles auch in der BRD noch nicht lange vorbei ist. Der nach dem 2.Weltkrieg einsetzende Wirtschaftsaufschwung verteilte die Einkommen zunächst sehr unterschiedlich. Während erfolgreiche Unternehmer sich jeden Luxus leisten konnten, war die Anschaffung eines Motorrads, wie sie hier - wie in „Der Pauker“ – thematisiert wurde, für die überwiegende Mehrheit der Arbeiter und Angestellten nur mit Ratenzahlungen möglich, verbunden mit der drohenden Gefahr, sich finanziell zu übernehmen. Eine starke Mittelschicht, die diese Unterschiede nivellieren konnte, befand sich erst im Aufbau. Filme wie „Die Frühreifen“ verstanden sich angesichts wachsender sozialer Brennpunkte als Appell an die Jugend, sich von den Verheißungen eines Luxus-Lebens nicht verführen zu lassen, bedienten aber gleichzeitig dessen Faszination. Heidi Brühl und Peter Kraus konnten in ihren Rollen dagegen anspielen, verkörperten als junge Stars aber den Wunsch nach Ruhm und sozialem Aufstieg.

"Die Frühreifen" Deutschland 1957, Regie: Josef von Báky, Drehbuch: Gerda Corbett, Heinz Oskar Wuttig, Peter Heim (Roman), Klaus Bloehmer (Roman), Darsteller : Heidi Brühl, Peter Kraus, Christian Doermer, Christian Wolff, Paul Esser, Sabine SinjenLaufzeit : 87 Minuten


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Donnerstag, 21. November 2013

Anders als du und ich (§175) (1957) Veit Harlan

Inhalt: Der 17jährige Klaus Teichmann (Christian Wolff) ist nicht nur der Beste seiner Schulklasse, sondern auch ein begabter Maler, der sich der abstrakten Kunst widmet. Gemeinsam mit seinem besten Freund Manfred (Guenther Theil), der einen Roman schreibt, begeistert er sich für moderne, atonale Musik und gegenseitig spornen sie sich an, ihrer künstlerischen Passion zu folgen. Deshalb stellt Manfred seinen Freund auch dem Kunsthändler Dr. Boris Winkler (Friedrich Joloff), einem Förderer der modernen Kunst, vor, der gerne junge Männer in seinem mondänen Haus zu gemeinsamen Kunst-Happenings versammelt.

Klaus Eltern, der Bankdirektor Werner Teichmann (Paul Dahlke) und seine Frau Christa (Paula Wessely), sehen seine Begeisterung nicht gerne, die sie unpassend für einen jungen Mann finden, aber Sorgen bereitet ihnen vor allem, dass sich Klaus trotz seines Alters nicht für Mädchen interessiert, sondern die Nähe von homosexuellen Männern bevorzugt. Während es sein Vater mit vergeblichen Verboten versucht, begibt sich seine Mutter zu einem Psychologen, um diesen um Rat zu bitten. Dessen Diagnose führt zu einer folgenschweren Entscheidung...


Regisseur Veit Harlan war während der Phase der nationalsozialistischen Diktatur für eine Vielzahl von Propagandafilmen verantwortlich, darunter der antisemitische Hetzfilm "Jud Süss" (1940), weshalb ihm noch 1944/45, kurz vor dem Ende des 2.Weltkriegs, alle verfügbaren Ressourcen an Mensch und Material für den Durchhaltefilm "Kolberg" (1945) zur Verfügung gestellt wurden, der von Goebbels Propagandaministerium als "kriegswichtig" erachtet wurde. Obwohl er 1950 endgültig von dem Vorwurf freigesprochen wurde, Mitschuld an dem Völkermord zu tragen - er hatte argumentiert, zur Regie von "Jud Süss" gezwungen worden zu sein - konnte er an die großen Erfolge der NS-Zeit nicht mehr anschließen. Fast alle seiner wenig erfolgreichen Nachkriegsfilme gerieten in Vergessenheit, darunter auch "Anders als du und ich (§175)" von 1957, obwohl dieser bei seinem Erscheinen einen Skandal auslöste und heftige Diskussionen hervorrief.

Ursprünglich sollte Harlans nach einer längeren Schaffenspause gedrehter Film - sein letztes Werk "Verrat an Deutschland" war Mitte 1955 in die Kinos gekommen - unter dem Titel "Das dritte Geschlecht" vertrieben werden, wurde aber von der "Freiwilligen Selbstkontrolle" stark moniert, weshalb Harlan gezwungen war, die ursprüngliche Fassung zu schneiden, einige Szenen nachzudrehen und den Film endgültig zu "Anders als du und ich (§175)" umzubenennen, womit er auf den Stummfilm "Anders als die Andern" aus dem Jahr 1919 anspielte, der sich erstmals offen mit der Homosexualität auseinandersetzte und frühzeitig die Streichung des §175 forderte, unter dem die Ausübung gleichgeschlechtlicher Liebe von Männern unter Strafe gestellt war. Veit Harlan behauptete, angesichts der Kritik an den anti-homosexuellen Tendenzen seines Films, die selbe Absicht gehabt zu haben, wodurch die These entstand, erst durch das Eingreifen der FSK, die das sittliche Empfinden der Mehrheit des deutschen Volkes gefährdet sah, wäre der homosexuellenfeindliche Gestus entstanden.

Einem Vergleich beider Fassungen kann diese These nicht standhalten, richtig ist aber, dass "Das dritte Geschlecht" den §175 zumindest in Frage stellte, während er in "Anders als du und ich (§175)" am Ende vollzogen wird, obwohl die Handlung dafür keine klaren Beweise liefern kann. Harlans Kritik am §175 lässt sich aus seiner Aussage "...dass es zweierlei Homosexuelle gibt – nämlich diejenigen, an denen die Natur etwas verbrochen hat, und diejenigen, die gegen die Natur verbrecherisch vorgehen..." (Zitat Veit Harlan) heraus lesen, womit er die Meinung vertrat, dass Menschen für etwas bestraft werden konnten, woran sie keine persönliche Schuld traf. Entsprechend angereichert ist sein Film mit wissenschaftlich anmutenden Vorträgen von Psychologen, die von der Gefährdung Jugendlicher und noch rechtzeitiger Heilbarkeit der "Krankheit" Homosexualität reden.

Es fällt entsprechend leicht, Harlan die selben perfiden Absichten zu unterstellen, wie er sie schon bei seinen geschickt inszenierten NS-Propagandafilmen bewiesen hatte, aber die Kritik der FSK, "Das dritte Geschlecht" würde die Homosexualität zu wohlwollend darstellen, lässt deutlich werden, dass Harlans Haltung in der BRD, Ende der 50er Jahre, schon einen progressiven Touch hatte. Angesichts der Ungeheuerlichkeit, dass der §175 erst 1994 endgültig aus dem Gesetzbuch gestrichen wurde, wird häufig vergessen, dass "Ehebruch", "Unzucht" - gemeint war außerehelicher Geschlechtsverkehr - und "Kuppelei" bis zur Strafrechtsreform 1969 ebenfalls noch mit Gefängnis bestraft werden konnten. Ursprünglich sollte bei dieser Reform das Strafmaß für "Ehebruch" sogar verdoppelt werden, was die neu gewählte Regierung unter Willi Brandt verhinderte - von einer generellen gesellschaftlichen Akzeptanz konnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Rede sein.

Die von der FSK geforderten Schnitte an "Das dritte Geschlecht" betrafen deshalb nicht nur die angeblich zu positiv beleuchteten Aspekte der Homosexualität - das Gespräch mit einem sehr seriös wirkenden, homosexuellen Anwalt oder den internationalen Freundeskreis des Kunsthändlers Dr. Boris Winkler (Friedrich Joloff), der hier die Rolle des Verführers junger Männer spielte - sondern auch die sexuellen Interaktionen zwischen Mann und Frau. Die ausführlichen Nacktszenen von Ingrid Stenn in der Rolle der hübschen Gerda, die den 17jährigen, vom homosexuellen Fieber schon befallenen Klaus Teichmann (Christian Wolff in seiner ersten Rolle) mit weiblicher Verführungskunst heilen soll, wurden stark gestrichen  - das ihr kurz zu sehender nackter Busen nicht zum Skandal wurde, lag wahrscheinlich an der allgemeinen Thematik - und dem Psychologen wurden die Worte "die Liebe einer Frau" in den Mund gelegt, obwohl er vom Liebesakt redete, womit dem Film das Kunststück gelang, ausschließlich von Sex zu handeln, ohne diesen Begriff zu erwähnen.

Sollte Veit Harlan versucht haben, seine Intention ähnlich unterschwellig zu vermitteln wie in seinen Propagandafilmen, ist ihm das bei "Anders als du und ich (§175)" (ebenso wie bei der Urfassung "Das dritte Geschlecht") gründlich misslungen. Der Film verfügt weder über eine Story, noch einen klaren Handlungsbogen, sondern wirkt wie ein Flickenteppich aus Jugenddrama, Dokumentation, Kriminal- und Gerichtsfilm. Entscheidender ist aber die mangelhafte Charakterisierung der Protagonisten und damit die Schlüssigkeit ihres Handelns. Dass der zuvor so künstlerisch interessierte und sich für seinen Freund Manfred (Guenther Theil) einsetzende Klaus, nach dem Geschlechtsakt mit Gerda nur noch händchenhaltend und von Heirat redend (um die moralischen Regeln zumindest im Nachhinein noch zu erfüllen, obwohl klar ist, dass er nicht Gerdas erster Mann ist) mit ihr zu sehen ist - seine frühere Vergangenheit scheinbar vollständig hinter sich lassend - war selbst einem sittlich gefährdeten Publikum kaum zu vermitteln.

Der zuvor so engagierte und in seiner Aufmüpfigkeit gegen sein bürgerliches Elternhaus sympathische, intelligente junge Mann wird zu einem angepassten Duckmäuser - wenig erstaunlich, dass Harlans Film in der Publikumsgunst keine Chance hatte, da Klaus damit auch nach seiner Bekehrung nicht als Identifikationsfigur funktionierte. Um Nachahmungseffekte zu verhindern, gab sich Harlans Film in der Schilderung homosexueller Vergnügungen zudem bewusst intellektuell abgehoben und zog sich damit Kritik an seiner Sichtweise über zeitgenössische Kunst zu, die nicht weniger homophob daher kam. Im Vergleich zu erfolgreichen Filmen wie "Die Halbstarken" (1956) oder "Der Pauker" (1958), die ebenfalls die Verführung Jugendlicher und damit die Gefährdung der bürgerlichen Moral in dieser Zeit anprangerten, wird deutlich, dass "Anders als du und ich (§175)" jede Authentizität fehlte. Der Misserfolg des Films beweist, dass die Handlung selbst für ein Publikum unglaubwürdig wirkte, das der Homosexualität nicht wohlwollend gegenüber stand.

Angesichts der neuen Gesetzgebung in Russland, in der jede Homosexualität in der Öffentlichkeit bei Strafe verboten ist, um Heranwachsende nicht zu beeinflussen, fällt es schwer, "Anders als du und ich (§175)" unter dem Aspekt unfreiwilliger Komik oder als im Zeitkontext unterhaltenden Film zu beurteilen. Auch in Deutschland existieren die hier gezeigten Tendenzen noch, aber noch unerträglicher wirkt die Selbstgerechtigkeit, mit der die Eltern von Klaus, gespielt von Paula Wessely und Paul Dahlke, hier handeln. Die Fassungslosigkeit, mit der sie reagieren, als Christa Teichmann (Paula Wessely) wegen Kuppelei angeklagt wird, das eigene Empfinden, sich immer korrekt verhalten zu haben und nie gegen Gesetze zu verstoßen, ist auch heute noch verbreitet - und führt immer wieder dazu, härtere Gesetze zu fordern, ganz im Bewusstsein der eigenen moralischen Überlegenheit.

Als Christa Teichmann vor den Richter tritt, um ihr Urteil zu erfahren, erhält sie Zustimmung von der anwesenden Öffentlichkeit - eine Szene, die nur in "Das dritte Geschlecht" existiert und erstaunlicherweise in der Endfassung fehlt. Empfehlenswert sind beide Fassungen nicht, außer als Betrachtung einer Geisteshaltung, die bis heute nicht ausgestorben ist.

"Anders als du und ich (§175)" Deutschland 1957, Regie: Veit Harlan, Drehbuch: Fritz Lützkendorf, Hans Habe, Darsteller : Christian Wolff, Paul Dahlke, Paula Wessely, Hans Nielsen, Ingrid Stenn, Friedrich Joloff, Siegfried SchürenbergLaufzeit : 91 Minuten

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"Kolberg" (1945)

Montag, 18. November 2013

Zinksärge für die Goldjungen (1973) Jürgen Roland

Regelmäßig kam es zu italienisch-deutschen Co-Produktionen in den 60er und 70er Jahren, die in der jeweiligen Sprachfassung in nahezu identischer Form in die Kinos kamen. "Zinksärge für die Goldjungen" (italienischer Titel: Il re della mala) war in dieser Hinsicht eine Ausnahme, denn Jürgen Rolands Film an der Schwelle zum Poliziesco, wurde konzeptionell in zwei Fassungen gefertigt, die auf das Publikum der beiden Länder zugeschnitten waren. Die Unterschiede sind prägnant und gehen über den unterschiedlichen Namen der deutschen Hauptfigur (Otto Westermann/Hans Werner) hinaus - eine vergleichende Betrachtung und ein weiteres Bindeglied zwischen "Grün ist die Heide" und "L'amore in città" , meinem Blog zum italienischen Film.


Inhalt: Otto Westermann (Herbert Fleischmann) kontrolliert mit seiner Bande, die unter dem Deckmantel eines Kegelclubs ihre Treffen abhält, das Glücksspiel und die Prostitution in Hamburg und erpresst Schutzgeld. Wer nicht pünktlich bezahlt oder sich nicht bei Wetten an Westermann Forderungen hält, bekommt Besuch von seinen Männern, die auch vor kaltblütigem Mord nicht zurückschrecken. Doch es bahnt sich Ärger für den Platzhirsch an, als der italo-amerikanische Unterweltboss Luca Messina (Henry Silva) ebenfalls plant, die friedliche Stadt Hamburg unter seine Fittiche zu nehmen.

Nachdem er mit Mutter (Ermelinda De Felice), Tochter Sylvia (Patrizia Gori) und seiner Geliebten Kate (Véronique Vendell) aus den USA angekommen ist, geht er mit seinen Männern gezielt gegen Westermanns Geschäfte vor, übernimmt die Leitung und verlangt 40 Prozent von dessen Einnahmen. Doch so leicht lässt sich Werner nicht verdrängen und nimmt den Kampf an, der zunehmend außer Kontrolle gerät…


Betrachtet man Jürgen Rolands Film "Zinksärge für die Goldjungen" von Italien aus, kam er unter dem Titel "Il re della mala" (Der König des Bösen) im Juli 1974 erst spät an der Schnittstelle zwischen Mafia-Film und Polizieschi in die Kinos. Fernando Di Leos Trilogie über das organisierte Verbrechen hatte mit "Il boss" (Der Teufel führt Regie) 1973 ihren Abschluss gefunden und Andrea Bianchi Anfang 1974 mit "Quelli che contano" (Die Rache des Paten) noch einen weiteren Mafia-Film nachgelegt, bevor die Hochphase des Polizieschi mit Umberto Lenzis "Milano odia: la polizia non vuole sparare" (Der Berserker, 1974) endgültig begann. An allen genannten Filmen war Henry Silva als Hauptdarsteller maßgeblich beteiligt, dem der Wechsel vom Unterweltboss zum Commissario spielend gelang.

Dass Jürgen Roland ihn ebenfalls in seinem Film über den Machtkampf zweier organisierter Verbrecherbanden in Hamburg besetzte, geht auf den unmittelbaren Einfluss der Di Leo-Trilogie zurück, verdeutlicht aber auch, dass sich Roland und seine Mitstreiter – der renommierte Drehbuchautor Werner Jörg Lüddecke („Das Beil von Wandsbek“, 1951) und Produzent Wolf C. Hartwig - auf der Höhe der Zeit befanden, denn ihr Film entstand noch vor Bianchis "Die Rache des Paten" und kam Ende 1973 in die deutschen Kinos. Produzent Hartwig hatte schon Mitte der 60er Jahre ein gutes Gespür für den Zeitgeist bewiesen und früh Ernst Hofbauer unterstützt, der ihm mit dem "Schulmädchen-Report" (1970) und dessen Fortsetzungen einen großen finanziellen Erfolg einbrachte. Auch mit Jürgen Roland, der seit Ende der 50er Jahre ("Stahlnetz") als Genre Spezialist galt, hatte er schon bei "St.Pauli Report" (1971) und "Das Mädchen aus Hongkong" (1973) zusammengearbeitet, zu denen Autor Lüddecke jeweils das Drehbuch beisteuerte.

Trotzdem begingen sie nicht den Fehler, ohne italienisches Know-How an die geplante Story heranzugehen. Mit Coriolano Gori holten sie sich einen erfahrenen Komponisten ins Team, dessen Score das treibende Tempo des Films stimmungsvoll unterstützte. Zudem wurden neben Silva viele weitere Rollen international besetzt, was dem Konflikt zwischen dem deutschen und dem italo-amerikanischen Gangsterboss und deren Anhang die notwendige Authentizität verlieh. Besonderes Einfühlungsvermögen bewiesen die Macher auch damit, dass sie von einem deutschen und einem italienischen Cutter zwei unterschiedliche Fassungen fertigen ließen, die zwar auf das selbe Bildmaterial zurückgriffen und die selbe Story erzählten, trotzdem aber über entscheidende Unterschiede verfügen, die signifikant sind für die jeweiligen Erwartungshaltungen und Sehgewohnheiten in den zwei Ländern – ein Vergleich, bei dem die 5 Minuten längere deutsche Fassung ein wenig schlechter abschneidet.

In beiden Fassungen beginnt der Film mit einer Einleitung, die von einer Stimme aus dem Off begleitet wird, die der Story einen gewissen Realitätsbezug verleihen sollte. Hinsichtlich der Existenz des organisierten Verbrechens besteht daran kein Zweifel, aber „Zinksärge für die Goldjungen“ reduzierte die Handlung einzig auf die Auseinandersetzung zwischen den beiden Gangster-Banden, ohne das die Strafverfolgungsbehörden hier irgendeine Rolle spielen, obwohl Schießereien, Hinrichtungen und wilde Verfolgungsjagden mitten in Hamburg an der Tagesordnung sind. Damit folgte Jürgen Roland strikt den Genre-Regeln, ohne der typischen Ausgewogenheit im deutschen Kriminalfilm Rechnung zu tragen. Auch dass der Italo-Amerikaner Luca Messina (Henry Silva) nach Hamburg kommt, um die Geschäfte von Otto Westermann (Herbert Fleischmann) zu übernehmen, benötigte keine schlüssige Intention – einmal äußert er gegenüber seiner Mutter, dass er noch ein paar gute Geschäfte machen will, bevor er sich auf Sizilien zur Ruhe setzen will, aber das wirkt nur wenig überzeugend, angesichts der üppigen Geldmittel und sehr guten Organisationsstruktur, die ihm in Hamburg von Beginn an zur Verfügung stehen.

Entscheidend für das Genre sind die emotionalen Abhängigkeiten – beide Bosse haben im Film Familie und sind damit angreifbar – und die entstehende Spirale von Gewalt und Gegengewalt, gepaart mit der ewigen Jagd nach dem eigenen Vorteil, die aus der zugespitzten Situation eines Machtkampfs zwischen zwei Verbrechersyndikaten eine Sicht auf menschliche Abgründe entstehen lässt, die realistischer ist als das Ergebnis einer ausgewogenen Betrachtungsweise. Auch wenn „Zinksärge für die Goldjungen“ inzwischen unter Genre-Fans Anerkennung findet, schloss sich dieser Meinung damals kaum Jemand an. Filme dieser Art – auch die italienischen Vorbilder – sahen sich in Deutschland dem Vorwurf der Gewaltverherrlichung ausgesetzt, mit der eine schnelle Mark an der Kinokasse gemacht werden sollte. Der deutschen Fassung ist anzumerken, dass die Macher versuchten, dieser vorhersehbaren Kritik entgegen zu treten, in dem sie die Szene, in der Karl von den Kung-Fu Kämpfern erschlagen wird, kürzten, und die Story mit Klischee-Witzen über italienische Gepflogenheiten anreicherten. Auch die konstruiert wirkende Liebesgeschichte zwischen dem flippigen Horst Janson als Westermann-Sohn und der attraktiven Patrizia Gori als Messina-Tochter, die im Gegensatz zu ihren Vätern, die sich hübsche Betthäschen halten, ganz brav heiraten wollen, lässt sich in italienischer Genre-Ware dieser Zeit kaum finden.

Sie blieb auch in der italienischen Fassung erhalten - im Gegensatz zu fünf Minuten, die fast ausschließlich Vorurteile gegenüber italienischen Gewohnheiten betrafen. Darf Luca Messinas „Mamma“ in „Zinksärge für die Goldjungen“ als streitbare und laute Mutter auftreten, die Moral predigt und Ohrfeigen verteilt, während sie in ihren Spaghetti wühlt, spielt sie in „Il re della mala“ kaum eine Rolle. Auch die Ärztin, die angesichts des Herzinfarkts von Lucas Mutter nach der Art der Krankenversicherung fragt, fehlt in der italienischen Fassung glücklicherweise. Deutsche Fans mögen angesichts der „Clementine“ – Darstellerin in Erinnerungen schwelgen, der Straffung der Szene, die zwischen der Hinrichtung Karls und Westermanns großzügigem Verhalten in Messinas Haus pendelt, kommt dieser Schnitt entgegen.

Teilweise mutet die Art, wie die von Jürgen Roland ursprünglich gewählte Szenenreihenfolge in der italienischen Fassung ummontiert wurde, abenteuerlich an. Der Brandanschlag auf den Striptease-Club kommt in „Il re della mala“ schon im Vorspann vor, um die Gewalttätigkeit der deutschen Gang früh zu betonen, und Westermanns Plan, die eigenen Überfälle und Hinrichtungen der Italo-Gang in die Schuhe zu schieben, erfolgt hier als unmittelbare Reaktion auf Messinas Übernahmeversuch. In der deutschen Fassung löst erst der Mord an seinem Sohn Karl diese Konsequenzen aus, was sein Verhalten im Auge des Zuschauers stärker legitimierte. Der italienische Schnitt versuchte so, dass Verhältnis zwischen den Banden ausgewogener zu gestalten – eine notwendige Maßnahme, da Silva in seiner Rolle wesentlich kompromissloser auftrat als Fleischmann.

Trotz dieser Unterschiede zwischen den Fassungen, die von der Anpassung an den jeweiligen Markt geprägt sind, ändern diese Details nichts an der grundsätzlichen Aussage eines Films, der konsequent und ohne zu beschönigen die Folgen einer ungebremsten Gewaltspirale zeigt, rasant inszeniert ist und bis zum Schluss hochspannend bleibt - getragen von zwei überzeugend agierendenden Protagonisten.

"Zinksärge für die Goldjungen" Deutschland / Italien 1973, Regie: Jürgen Roland, Drehbuch: Werner Jörg Lüddecke, August Rieger, Darsteller : Herbert Fleischmann, Henry Silva, Patrizia Gori, Horst Janson, Véronique Vendell, Raf Baldassare, Dan van HusenLaufzeit : 83 Minuten

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Donnerstag, 14. November 2013

Die Unbekannte (1936) Frank Wisbar

Inhalt: Eine Frauenleiche, die aus dem Wasser gefischt wurde, wird auf eine Polizeistation gebracht. Obwohl sie offensichtlich Selbstmord beging, lächelt ihr Antlitz, was die Polizisten darüber sinnieren lässt, unter welchen Umständen sie starb:

Es ist der letzte Abend, an dem Madeleine (Sybille Schmitz) als Sängerin auftritt, obwohl sie in dem Nachtclub große Erfolge feierte. Viele Männer versuchen es noch ein letztes Mal, sie für sich zu gewinnen, aber Madeleine glaubt nicht an die große Liebe und hat sich längst entschieden, in einer Großstadt ein neues Engagement anzunehmen. Als sie dort auf dem Bahnhof ankommt wird sie zufällig Zeuge eines Diebstahls. Innerhalb einer großen Menschenmenge, die sich um den bekannten Afrika-Forscher Thomas Bentick (Jean Galland) versammelt hatte, der gerade seine Braut Evelyn (Ilse Abel) verabschiedet, schnappt sich ein Dieb eine Tasche mit wertvollen Unterlagen, aber Madeleine kann die Polizei noch rechtzeitig warnen.

Bentick und seine Braut bedanken sich bei ihr, aber für Madeleine ist die Angelegenheit schon erledigt. Nicht so für den Forscher, der die schöne Frau vor dem Bahnhof stehen sieht und sie mit seinem Auto zu einem Hotel mitnimmt, dass er ihr empfiehlt. Er selbst wohnt dort auch und bittet sie, ihm am Abend Gesellschaft zu leisten. Sie sagt zu, obwohl sie am selben Abend ihren ersten Auftritt an ihrer neuen Arbeitsstelle hat. Als man ihre Bitte, einen Tag später dort beginnen zu können, ablehnt, kündigt sie spontan, zieht sich ein schönes Abendkleid an und geht zu der Verabredung mit Bentick…


Nachdem "Fährmann Maria" im Januar 1936 in die Kinos gekommen war, drehte Regisseur Frank Wisbar noch im selben Jahr einen weiteren Film mit Sybille Schmitz in einer tragenden Hauptrolle, der in mehrfacher Hinsicht prophetisch wirkt - "Die Unbekannte". Der Film beginnt mit einer aufgebahrten Frauenleiche, deren Schönheit, unterstrichen durch ein Lächeln in ihrem Gesicht, die anwesenden Polizisten darüber sinnieren lässt, unter welchen Umständen die junge Frau in den Freitod ging. Zurück geht diese Ausgangssituation auf die inzwischen vergessene Legende über "Die Unbekannte aus der Seine", die in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts zum Allgemeingut gehörte und sich in unzähligen Haushalten in Form einer reproduzierten Totenmaske wieder fand, die häufig die Wände schmückte. Die damalige Faszination erklärt sich aus dem für eine Wasserleiche ungewöhnlich friedlichen Gesichtsausdruck und entfachte die Fantasien der Betrachter, obwohl die Authentizität der Totenmaske nie bewiesen wurde.

Nicht wenige Künstler ließen sich davon animieren und spielten  in ihren Werken auf diese Legende an - darunter Rainer Maria Rilke in seinem einzigen Roman "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" (1910) - aber den größten Einfluss auf den Mythos hatte die 1934 erschienene Novelle "Die Unbekannte" des studierten Botanikers und späteren Schriftstellers Reinhold Conrad Muschler, der mit einer rührseligen Geschichte um die junge Madeleine einen veritablen Bestseller ablieferte. Seine Fiktion von der großen Liebe einer armen Waise zu dem englischen Diplomaten Thomas, der ihre Gefühle zuerst erwidert - selbstverständlich bewahren sie bei ihrer gemeinsamen Reise nach Paris immer den moralischen Anstand - sich dann aber doch für die Frau entscheidet, mit der er zuvor schon verlobt war, traf den Nerv der Zeit. Madeleine stirbt im Bewusstsein ihrer ewigen Liebe mit einem glücklichen Lächeln, da für sie ein Weiterleben nach Thomas' Ablehnung keinen Sinn mehr hat.

Autor Muschler war seit 1932 Mitglied der NSDAP und drückte seine glühende Verehrung für Adolf Hitler in den Büchern "Adolf Hitler unser Führer" (1933) und "Das deutsche Führerbuch" (1934) aus. Eine Liebe, die nicht ewig andauerte, wie sein Austritt aus der NSDAP 1937 dokumentiert, die seine Schriftstellerkarriere unterbrach. Erst nach 1948 konnte er diese noch sehr produktiv bis zu seinem Tod 1957 fortsetzen. Es bedarf keiner tiefgründigen Interpretation, um die Geschichte von der glückseligen Selbstaufopferung Madeleines in die Nähe der nationalsozialistischen Ideologie zu rücken, die das persönliche Opfer für Führer und Vaterland propagierte. Auch die thematische Linie zu Wisbars Vorgängerfilm "Fährmann Maria" wird darin offensichtlich, in dem Sybille Schmitz ebenfalls eine Frau verkörperte, die bereit ist, für ihre Liebe in den Tod zu gehen, dessen morbide, schwermütige Umsetzung allerdings nur wenig Anklang beim Propagandaministerium fand.

Doch während zu "Fährmann Maria" noch entsprechende Hintergrundinformationen existieren, macht "Die Unbekannte" ihrem Namen alle Ehre, obwohl es sich um die Verfilmung eines damals aktuellen Bestsellers handelte - nicht einmal ein Filmplakat lässt sich zu einer damaligen Vorführung finden. Noch weniger bekannt sind nur die zwei letzten Filme Wisbars, bevor er aus Deutschland mit seiner jüdischen Frau emigrierte - "Ball im Metropol" (1937) und "Petermann ist dagegen" (1938). Sieht man von Aribert Mog ab, dessen NSDAP -Mitgliedschaft ihn nicht davor bewahrte, eingezogen zu werden, weshalb er 1941 beim Russlandfeldzug starb, verfügte der Cast von "Die Unbekannte" über keinen echten Filmstar. Zwar ist hier Curd Jürgens in einer seiner ersten Rollen zu sehen, aber der einzig relevante Part an der Seite von Sybille Schmitz, der des englischen Diplomaten Thomas Bentick, wurde von Wisbar mit dem französischen Mimen Jean Galland besetzt, der mit entsprechendem Akzent spricht und in keinem weiteren deutschen Film mitwirkte. Doch allein die Besetzung von Sybille Schmitz hätte genügen müssen, um für Aufmerksamkeit beim Publikum zu sorgen, aber ihr Abstand zu den nationalsozialistischen Machthabern, gepaart mit ihrer moralisch anrüchigen Haltung, schadete trotz ihrer Popularität zunehmend ihrer Reputation.

Entscheidender dafür, dass „Die Unbekannte“ im nationalsozialistischen Deutschland kein Erfolg wurde und in Vergessenheit geriet, dürfte Frank Wisbars Bearbeitung der Buchvorlage gewesen sein. Schon dass er Sybille Schmitz, deren Schönheit und selbstbewusstes Auftreten eine geheimnisvolle Erotik ausstrahlte, die Rolle der Madeleine spielen ließ, widersprach dem verklärten Frauenbild einer selbstlos liebenden Waisen. Konsequenterweise veränderte Wisbar den Charakter der weiblichen Hauptrolle und ließ seinen Star als Sängerin eines Nachtclubs auftreten, der die Männer scharenweise zu Füßen liegen. Allein das zu Beginn von ihr vorgetragene Lied „Die große Liebe ist nur ein Märchen“ mit der Textzeile „…die Türen meines Herzens sind zu…“ genügt schon für den gesamten Film. Entsprechend lässt sie eine Vielzahl an gebrochenen Männerherzen zurück, als sie sich entscheidet, ein Engagement in einer anderen Stadt anzunehmen. Wisbars Film lässt keinen Zweifel daran, dass sie sich auf konkrete Liebesabenteuer eingelassen hatte, an denen sie nach kurzer Zeit wieder die Lust verlor. In einer späteren Szene erkennt sie ein älterer Herr wieder, der ihr vorwirft, sie hätte einen seiner begabtesten Studenten mit ihrer unmoralischen Lebensweise in die Verzweiflung getrieben.

Auch die männliche Hauptrolle wurde von Wisbar stark überarbeitet. Thomas Bentick ist im Film kein englischer Diplomat, sondern ein in Deutschland lebender, sehr bekannter Afrika-Forscher, dessen Nationalität offen bleibt. Er will in wenigen Tagen zu einem 5jährigen Forschungsaufenthalt abreisen, verabschiedet sich aber schon von seiner deutschen Verlobten Evelyn (Ilse Abel), die vorausfährt, während er noch ein paar Formalitäten in Berlin erledigen muss. Am Bahnhof begegnen sie Madeleine, die dank ihrer Aufmerksamkeit einen Diebstahl wichtiger Unterlagen verhindern kann. Kaum hat Bentick seine Braut verabschiedet, wirbt er offensiv um die schöne Madeleine, fährt sie zum Hotel und bittet sie um ihre Begleitung bei einem abendliche Dinner. Die Art, wie sich Madeleine darauf einlässt, widerspricht in jeder Hinsicht dem damals tradierten Frauenbild, dem in Muschlers Roman gehuldigt wurde. In vollem Bewusstsein darüber, dass Bentick verlobt ist und damit ihre fatalistische Haltung über die Liebe bestätigt, kündigt sie ihre neue Arbeitsstelle, weil ihr nicht erlaubt wurde, einen Tag später zu beginnen, und geht in einem schicken Abendkleid zu der Verabredung.

Nicht mehr an die Arbeitsstelle gebunden, willigt sie ein, mit Thomas nach Berlin zu fahren, aber mit einer romantischen Liebesreise nach Paris, wie sie Muschler in seinem Buch beschrieb, hat das wenig zu tun. Viel mehr entsteht ein Wechselspiel zwischen dem Werben des sehr wohlhabenden Lebemanns und der attraktiven, selbstbewussten Frau, die spürt, dass sie tiefe Gefühle für ihn entwickelt. Nur in dieser emotionalen Ebene lassen sich Parallelen zur literarischen Vorlage erkennen, aber Wisbar zieht entgegengesetzte Schlüsse daraus. Nicht Thomas entscheidet sich gegen Madeleine, sondern sie schickt ihn zu seiner Braut. Ihre letzte Entscheidung wird zu einer Bestätigung des Liedes, das sie zu Beginn sang - „Die große Liebe ist nur ein Märchen“. Einen Moment lang trauert sie, aber ihr letzter Weg erinnert nicht an einen Selbstmord, sondern an ein Wandeln in die Ewigkeit mit einem zufriedenen Lächeln auf dem Gesicht.

Frank Wisbar nahm der „Unbekannten aus der Seine“ die Rückständigkeit einer idealisierten passiven und keuschen Frauenfigur, und verlieh ihr in der von Sybille Schmitz verkörperten Madeleine einen erotischen, selbstbewussten Gestus. Damit konnte er die Erwartungshaltung an eine Romanverfilmung schwerlich erfüllen, aber die eigentliche Tragik des Films erschließt sich erst heute. Nur mit Sybille Schmitz, deren individueller Charakter zwar die Menschen faszinierte, gleichzeitig aber nicht in ihre Zeit passte und fremd blieb, konnte Wisbars Film funktionieren. Als sie 1955 an einer Überdosis Tabletten starb war sie ihr Leben lang geblieben, was der Film prophezeite – „Die Unbekannte“.

"Die Unbekannte" Deutschland 1936, Regie: Frank Wisbar, Drehbuch: Frank Wisbar, Reinhold Conrad Muschler (Roman), Darsteller : Sybille Schmitz, Jean Galland, Aribert Mog, Ilse Abel, Curd JürgensLaufzeit : 86 Minuten

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Sonntag, 10. November 2013

Er kann's nicht lassen (1962) Axel von Ambesser

Inhalt: Pater Brown (Heinz Rühmann) lässt sich auch als Gemeindepfarrer der kleinen Insel Evert's Rock, auf die er vom Bischof strafversetzt wurde, nicht unterkriegen. Rigoros mischt er sich in einen Streit um ein Fässchen Whiskey ein, was ihm nur wenige Sympathiepunkte bei den hart gesottenen irischen Schmugglern einbringt. Als er in einem unzugänglichen Kellergewölbe des Pfarrhauses ein wertvolles Gemälde findet, das kurz darauf gestohlen wird, kann er deshalb auf keine Informationen von Seiten der Einheimischen hoffen. Der Diebstahl geschah ausgerechnet in dem Moment, als er beim Bischof (Rudolf Forster) zum Rapport antreten musste, weil er mit dem Fund erneut Schlagzeilen verursacht hatte – mit dem Ergebnis, dass er sofort wieder auf die Insel zurückkehren soll, um das Bild wieder zu beschaffen.

Selbstverständlich gelingt Brown dieses Unterfangen, aber er verschont die Diebe, indem er sie zur Beichte bittet – niemals zuvor war die Kirche so gut gefüllt, wie an diesem Tag. Dieser Erfolg verhindert zwar seine Strafversetzung in den Innendienst, aber trotzdem muss er mit seiner Haushälterin (Lina Carstens) den Gang in eine neue Gemeinde antreten. Angeblich bestand dort das einzige Verbrechen der letzten sieben Jahre aus dem Diebstahl eines Golfballs, aber schon auf seiner Fahrt zum Pfarrhaus wird er Zeuge eines heftigen Streits zwischen seit langem verfeindeten Nachbarn…


Auch wenn "Er kann's nicht lassen" am Ende von "Das schwarze Schaf" (1960) als Fortsetzung schon angekündigt wurde, dauerte es beinahe zwei Jahre bis Heinz Rühmann als "Pater Brown" wieder auf die Leinwand zurückkehrte - nicht zum letzten Mal, denn Lucio Fulci sollte ihn 1967 in der internationalen Produktion "Operazione San Pietro" (Die Abenteuer des Kardinal Braun) erneut auf das Publikum loslassen, aber das hatte mit den gemütlichen Schwarz-Weiß-Krimis der frühen 60er Jahre um den detektivisch begabten Geistlichen nichts mehr gemeinsam. Dagegen wurde "Er kann's nicht lassen" dem sehr erfolgreichen Erstling stark nachempfunden, weshalb es überrascht, dass der Cast fast vollständig ausgetauscht wurde - nur die unverzichtbaren Lina Carstens und Heinz Rühmann gehörten erneut zur Crew.

Wie weit Rühmann selbst darauf Einfluss nahm, bleibt Spekulation, aber mit Axel von Ambesser übernahm ein Regisseur die Leitung, der zuvor schon "Der Pauker" (1958) und "Der brave Soldat Schwejk" (1960) mit ihm gedreht hatte - Kameramann Ashley hatte bei "Das schwarze Schaf" das erste Mal am Regiepult gestanden. Sieht man von Siegfried Lowitz einmal ab, der Browns besten Freund Flambeau im ersten Teil spielte und hier nur einmal kurz erwähnt wird, spielte der Austausch der übrigen Darstellerriege keine entscheidende Rolle. Rudolf Forster als Bischof gab ganz offiziell den Nachfolger und gehörte wie Grit Boettcher und Siegfried Wischnewski ebenso dem damaligen Mabuse/Edgar-Wallace-Darstellerkreis an, wie die Kollegen in "Das schwarze Schaf". Bemerkenswerter ist dagegen, dass mit Egon Eis ganz offiziell der Mann das Drehbuch übernahm, der seit "Der Frosch mit der Maske" (1959) entscheidend an der Entwicklung der Edgar-Wallace-Filmreihe beteiligt war - dem Film selbst ist das nicht positiv anzumerken.

Zwar setzte "Er kann's nicht lassen" erneut auf die Qualitäten seines Hauptdarstellers, schneidet im direkten Vergleich aber schlechter ab. War "Das schwarze Schaf" noch klar gegliedert in einen kurzen Kriminalfall zu Beginn, um den Charakter des Priesters mit detektivischem Spürsinn einzuführen, bevor sich der restliche Film einem komplexen Mordkomplott widmete, kann sein Nachfolger den typischen Hang zur krampfhaften Steigerung nicht leugnen. Dass Brown (Heinz Rühmann) beim Bischof (Rudolf Forster) antreten muss, weil er ein wertvolles Bild gefunden hat - womit er erneut auf den Titelseiten der Zeitungen landete - , von diesem aber sofort wieder zurückgeschickt wird, weil er den just während seiner Anreise begangenen Diebstahl des Bildes aufklären soll, um nach dessen Wiederbeschaffung doch in eine angeblich besonders harmlose Gemeinde versetzt zu werden, ist mindestens eine Wendung zu viel.

Die Macher konnten der Versuchung nicht widerstehen, Szenen, die im ersten Film gut angekommen waren, verstärkt zu bedienen. Die Auseinandersetzungen zwischen Pater Brown und dem Bischof gehörten in "Das schwarze Schaf" zu den Höhepunkten, waren aber sinnvoll platziert und überzeugten in ihrer Kritik an einer wenig liberalen kirchlichen Haltung. Dagegen ist Browns Versuch, die Münzsammler - Leidenschaft des Bischofs herauszufordern, völlig unnötig, wie auch der Einsatz von körperlicher Gewalt. Wahrscheinlich wurden die Judo-Szenen aus "Der Pauker" hier zum Vorbild, so dass Regisseur Von Ambesser und Heinz Rühmann darauf zurückgriffen und Brown sich mit einem Schulterwurf über die Kaimauer gegen einen Angreifer verteidigt. Abgesehen davon, dass sich ein paar hartgesottene irische Kerle kaum davon einschüchtern lassen, ist es gerade die Intelligenz, gepaart mit der friedlichen Aura des Geistlichen, die diese Figur so außergewöhnlich werden lässt. Endgültig ins Alberne verfällt der Film am Ende mit einer Verfolgungsjagd, die sowohl film- als auch storytechnisch nicht zu dem - trotz Rühmanns humorvollem Spiel - letztlich ernsthaften Kriminalfilm passt.

Den damaligen Kinobesuchern wird es egal gewesen sein, denn die Ansicht des Erstlings lag schon fast zwei Jahre zurück und ein unmittelbarer Vergleich war nur schwer möglich. Zwar fehlte „Er kann’s nicht lassen“ die atmosphärische Dichte und innere Schlüssigkeit des Vorgängerfilms, aber Heinz Rühmann blieb seiner Verkörperung des detektivisch begabten Pfarrers treu - letztlich die entscheidende Komponente für den Erfolg. Zudem ließ auch der Nachfolger für die Entstehungszeit erstaunlich liberale Ansichten erkennen, auch wenn die Kritik an der katholischen Kirche dezenter ausfiel. Der junge Mann, der seine Drogenabhängigkeit überwunden hat, und seine Freundin (Grit Boettcher), die mit ihm in "Wilder Ehe" zusammenlebt, werden zu Sympathieträgern, für die sich Brown einsetzt. Aus heutiger Sicht erscheint das wenig gewagt, zumal die moralischen Standards am Ende wieder in Ordnung gebracht werden, aber es trägt zum Vergnügen bei der Ansicht dieser im besten Sinn altmodischen Filme bei, auch wenn „Er kann’s nicht lassen“ zeitweise ein wenig aus der seriösen Spur gerät.

"Er kann's nicht lassen" Deutschland 1962, Regie: Axel von Ambesser, Drehbuch: Egon Eis, Carl Merz, G.K.Chesterton (Roman), Darsteller : Heinz Rühmann, Lina Carstens, Rudolf Forster, Grit Boettcher, Ruth Maria Kubitschek, Siegfried Wischnewski, Horst Tappert, Laufzeit : 91 Minuten

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Sonntag, 3. November 2013

An heiligen Wassern (1960) Alfred Weidenmann

Inhalt: Roman Blatter (Hansjörg Felmy) verabschiedet sich schnell von seiner geliebten Binja (Cordula Trantow), um zu seiner Mutter und Schwester zu gehen, denn eine Glocke kündigt eine große Gefahr an, die über dem hoch in den Schweizer Alpen gelegenen Bergdorf liegt. Roman versucht seine Mutter Fränzi (Gisela von Collande) zu beruhigen, indem er die Wahrscheinlichkeit als gering erachtet, dass er oder sein Vater von dem Los erwischt werden, das sie zwingt, in der Bergwand die hölzerne Wasserleitung zu reparieren, von der das Überleben des gesamten Ortes abhängt – es gäbe genug andere Männer, die dafür in Frage kämen. Doch damit kann er sie nicht beruhigen, denn sie hat schon viele Männer sterben sehen, auf die das Los gefallen war.

Zudem ahnt Roman nicht, dass sein Vater Seppi Blatter (Karl John) wenig später im Wirtshaus des reichsten Bewohners des Ortes, Hans Waldisch (Gustav Knuth), am Tisch sitzt und verhandelt. Dieser hat ihm angeboten, seine Schulden zu entlassen und noch Geld drauf zu legen, wenn Blatter sich freiwillig für den gefährlichen Job meldet. Er lässt sich überreden und unterschreibt einen Vertrag, aber nachdem nachts die Lawinen wie erwartet die Leitung zerstört hatten, sieht sich Waldisch der Kritik der anderen Dorfbewohner ausgesetzt und auch Fränzi spricht bei ihm vor, um ihn zu bitten, den Vertrag zu zerreißen. Widerwillig setzt auch er sich in der Dorfkirche dem Losverfahren aus, aber obwohl Waldisch den Vertrag zuvor verbrannt hatte, meldet sich Seppi Blatter freiwillig. Zuerst verläuft seine Arbeit wie geplant, aber gerade als das Wasser wieder durch die intakte Leitung fließt, verliert er die Kontrolle und stürzt in den Tod. Das gesamte Dorf trauert, aber bald kehrt wieder der Alltag ein und Waldisch setzt seinen Plan fort, den Tourismus zu fördern – nur Roman will sich damit nicht zufrieden geben…


Die Heimatfilm-Welle hatte ihren Zenit längst überschritten, als Regisseur Alfred Weidenmann und Drehbuchautor Herbert Reinecker mit "An heiligen Wassern" 1960 noch spät das Genre für sich entdeckten. Diese Entscheidung war überraschend, da ihre bisherige Zusammenarbeit - Reinecker war seit dem nationalsozialistischen Propagandafilm "Die jungen Adler" (1944) an beinahe allen Filmen Weidenmanns als Autor beteiligt - keine Berührungspunkte zu dem Erfolgs-Genre aufwies. Im Gegenteil galt ihr Interesse, nachdem sie Anfang der 50er Jahre wieder in der Film-Branche tätig werden durften, einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dem daraus resultierenden Krieg ("Canaris" (1954) und "Der Stern von Afrika" (1957)), auch wenn ihre frühen Versuche im westdeutschen Film, die jüngste Historie aufzuarbeiten, umstritten blieben. Mit dem gesellschaftskritischen Kriminalfilm "Alibi" hatten sie sich zudem schon 1955 auf ein Gebiet gewagt, das erst in den 60er Jahren Popularität erlangen sollte.

Bei einer genaueren Analyse des Films wird deutlich, dass "An heiligen Wassern" mit dem klassischen Heimatfilm der 50er Jahre nur noch wenig gemeinsam hat. Die Story basiert auf der gleichnamigen Romanvorlage des Schweizer Heimatschriftstellers Jakob Christoph Heer, in dem dieser vor den Gefahren der beginnenden Tourismuswelle für die traditionelle Lebensweise der Bergbevölkerung warnte, gleichzeitig aber auch Chancen darin erkannte. Der 1898 herausbrachte und 1932 schon einmal verfilmte Roman, wurde von Weidenmann und Reinecker in einer Mischung aus dokumentarischem Charakter und dem Zeitgeist der Wirtschaftswunderjahre auf die Leinwand gebracht, indem sie die archaische Lebensweise der Bergbevölkerung mit einem dynamisch und optimistisch auftretenden Hansjörg Felmy in der Hauptrolle verbanden, der Ende der 50er Jahre zu einem der populärsten Mimen im deutschen Kino aufgestiegen war.

Aus dem Off erklärt zu Beginn eine Stimme, wie abhängig die hoch gelegenen Bergdörfer von dem Gletscherwasser waren, das sie über hölzerne Rinnen bis zu einem Sammelbecken im Ort führten. Gezwungenermaßen musste die Rinne entlang der Felswände, hoch über dem Tal, gebaut werden und war dem Wetter schutzlos ausgesetzt. Wurden Teile davon von einer Lawine zerstört, wurde per Los ein Mann des Dorfes dazu bestimmt, in die Felswand abzusteigen, um die Wasserversorgung wieder herzustellen – ein lebensgefährliches Unterfangen, dass einem Todesurteil gleich kam. Weidenmann widmet das erste Drittel seines Films ausführlich diesen Vorgängen, dabei nur wenige dramatische Elemente hinzufügend. Mehr als der junge Roman Blatter (Hansjörg Felmy) spielt der Ortsvorsteher und als Besitzer des Gasthauses „Zum Bären“ reichste Bürger der Stadt, Hans Waldisch (Gustav Knuth), die wichtigste Rolle in der frühen Phase des Films. Er versucht Seppi Blatter (Karl John), Romans Vater, mit dem Versprechen, ihm seine Schulden zu erlassen, dazu zu überreden, sich freiwillig für die Reparatur der Leitung zu melden, auch weil er Angst hat, dass das Los auf ihn selbst fallen könnte.

Gustav Knuth, einer der beliebtesten Nebendarsteller des deutschen Films, spielte hier entgegen seines sonstigen Rollenklischees nicht den Sympathieträger, sondern einen geschäftstüchtigen Mann, der dank seines Kapitals nicht nur den größten Einfluss im Ort hat, sondern auch vom aufkommenden Tourismus in den Alpen profitieren kann. Die Besetzung Knuths verweist darauf, dass Reinecker in der Charakterisierung dieser Rolle ein eindeutiges Gut-/Böse-Schema verhindern wollte, denn Waldisch ist kein hartherziger Despot, sondern bleibt immer auch ein Gemütsmensch, der in der Lage ist, eigene Fehler einzusehen. Als die Dorfbewohner davon erfahren, dass er Seppi Blatter kaufen wollte, gerät er in die Kritik – auch Fränzi Blatter (Gisela von Collande) bittet ihn, den von ihrem Mann unterschriebenen Vertrag zu vernichten – weshalb er widerwillig darauf eingeht. Trotzdem meldet sich Blatter beim Losverfahren freiwillig und stirbt, nachdem es ihm gelungen war, den Wasserlauf wiederherzustellen. Offensichtlich wollten Weidenmann und Reinecker die klischeehaften, meist künstlich hochstilisierten Konflikte im Heimatfilm vermeiden, weshalb selbst nachvollziehbare Auseinandersetzungen zurückhaltend inszeniert wurden.

Roman Blatter ist zwar mit der Tochter des „Bären“ - Wirts Binja (Cordula Trantow) liiert, aber auch als Roman von ihrem Vater des Gasthauses verwiesen wird, weil er sich darüber beklagte, dass die Bevölkerung nach dem Tod seines Vaters schnell wieder zur Tagesordnung überging, wird die Beziehung zwischen den Liebenden nicht in Frage gestellt. Auch der Streit zwischen dem jungen Mann und seinem möglichen zukünftigen Schwiegervater wirkt im Vergleich zur Genre-üblichen Dramatik unterschwellig – weder werden Hassgefühle geäußert, noch entsteht der Eindruck, als ständen sich auf ewig verfeindete Antipoden gegenüber. Diese pragmatische, immer den Konsens im Auge behaltende Sichtweise, zeigt sich im bemerkenswertesten Dialog des Films, als Creszens Waldisch (Margrit Rainer), die zweite Ehefrau des „Bären“-Wirts, ihre Ehe ganz unter dem Gesichtspunkt der gemeinsamen Aufgabe, ihren Gasthof an die Erfordernisse eines wachsenden Tourismus anzupassen, unterordnet. Sie verständen sich doch gut, fügt sie gegenüber ihrem Ehemann noch hinzu, dessen verdutzte Miene fast Mitleid erregen könnte – wann wurde im Heimatfilm jemals eine funktionierende Beziehung so ehrlich charakterisiert?

Der Nachteil dieser Bemühung um Differenzierung liegt in der fehlenden Dramatik des Films. Obwohl sich „An heiligen Wassern“ zu Beginn ganz den archaischen Bedingungen der Bergwelt unterordnet – das die Handlung in der damaligen Gegenwart, Ende der 50er Jahre, spielen soll, ist ihr zuerst nicht anzumerken – entsteht nie der Eindruck einer lebensfeindlichen, kargen Umwelt, wie sie etwa Luis Trenker in „Der Berg ruft“ (1938) entwarf. Bedingt durch die ausschließlich hochdeutsch sprechenden Darsteller und deren glatte, wohl genährte Gesichter, stellt sich trotz traditioneller Kleidung, Gesänge und einer stimmigen Umgebung keine authentisch wirkende Situation ein. Selbst die Szenen am Hang können die Gefahr, in die sich die Männer begeben, nicht vermitteln – der Tod von Seppi Blatter geschieht ohne eine zuvorige dramatische Zuspitzung. Als größter Fremdkörper erweist sich jedoch Hansjörg Felmy, dessen dynamisches Auftreten wenig von einem das karge Leben im Schweizer Hochgebirge gewohnten Naturburschen, aber viel von einem fleißigen, aufstrebenden jungen Bundesrepublikaner besitzt.

Ihm gegenüber steht mit dem von Hanns Lothar gespielten Thöni Grieg, dem Neffen der neuen Frau des „Bären“-Wirts, die einzige negative Figur des Films. Mit ihm kommen Schallplatten, moderne Musik, Tanz und Flirt ins Hochgebirge, was zwar Vorteile bei der Betreuung weiblicher Touristen bringt, Griegs Anerkennung bei der örtlichen Bevölkerung aber gegen Null fahren lässt. Dieser weiß sich dann auch nicht anders zu helfen, als zuerst dilettantisch Briefe zu fälschen, um dann überhastet die Postkasse mitzunehmen. Diese klischeehafte, den unsoliden Charakter moderner Jugendlicher verkörpernde Figur wirkt wie eine Konzession an die Publikumserwartung, um zumindest noch ein wenig Spannung in eine Story zu zwingen, die letztlich nur einen Schuldigen kennt - die veraltete Technik, die dank eines die Traditionen hochhaltenden, sich den Neuerungen der Gegenwart aber nicht verschließenden jungen Mannes, der drei Jahre nach Indien geht, um das Ingenieur-Handwerk zu lernen, bald der Vergangenheit angehören wird.

Dass Weidenmann in „An heiligen Wassern“ auf Tourismuswerbung, künstliche Eifersuchtsdramen, eindimensionale Charaktere und klischeehaften Humor größtenteils verzichtete, ist dem Film positiv anzurechnen, leider fehlen ihm gleichzeitig die dramatischen Zuspitzungen, die letztlich die Attraktivität des Genres ausmachten. Zudem klingt Roman Blatter am Ende gönnerhaft, als er auf die Bemerkung eines der Arbeiter an der neuen Wasserleitung, die Menschen hier wären noch primitiv, mit den Worten „nicht primitiv, sondern einfach“ antwortet. Daraus sprach keine Heimatverbundenheit, sondern ein wohlwollender Ingenieur, der die Zukunft anpackt – die 50er Jahre waren vorbei, der Wiederaufbau hatte einen Großteil der Kriegsschäden beseitigt und die Menschen brauchten die „Heile Welt“ in den Heimatfilmen nicht mehr.

"An heiligen Wassern" Schweiz 1960, Regie: Alfred Weidenmann, Drehbuch: Herbert Reinecker, Jakob Christoph Heer (Roman), Darsteller : Hansjörg Felmy, Cordula Trantow, Gustav Knuth, Hanns Lothar, Karl John, Laufzeit : 96 Minuten

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"Junge Adler" (1944)